Verlagsgeschichte Luchterhand

1924 gründete der Steuerberater Hermann Luchterhand (1886 – 1950) in Berlin seinen Verlag für Recht und Steuern. 1934 wurde Eduard Reifferscheid Teilhaber, und 1936 zog sich Hermann Luchterhand aus gesundheitlichen Gründen und wegen der bedrückenden politischen Verhältnisse ins Privatleben zurück und erteilte dem Verlagsleiter Reifferscheid Generalvollmacht.

Nach dem Krieg begann Eduard Reifferscheid ab 1946 mit dem Wiederaufbau des Verlages. 1948 wurde eine Zweigniederlassung in der damaligen französischen Besatzungszone in Neuwied/Rhein errichtet, und bald darauf wurde der Hauptsitz des Luchterhand Verlags von Berlin nach Neuwied verlegt. Unter dem Verleger Reifferscheid, der von Anfang an auch literarische Ambitionen gehabt hatte, diese aber erst jetzt verwirklichen konnte, kam es ab 1954 auch zu belletristischen Veröffentlichungen. Als erste vier Bände erschienen 1954 eine zweisprachige Ausgabe von Charles Baudelaires “Die Blumen des Bösen” (übertragen von Carl Fischer), Charles Jacksons “Gezählt – gewogen” (aus dem Amerikanischen von Wolf-Jobst Siedler), Yvan Golls Gedichtband “Abendgesang” und Jens Rehns Roman “Nichts in Sicht”.

In den Folgejahren erschienen bei Luchterhand unter anderem die von Alfred Andersch herausgegebenen Bände von “Texte und Zeichen”, der berühmtesten Literaturzeitschrift der fünfziger Jahre. 1957 wurde unter Frank Benseler das gesellschaftswissenschaftliche Lektorat eingerichtet; hier wurden in der Folge Klassiker der Gesellschaftstheorie wie Max Weber, Emile Durkheim oder Arnold Gehlen verlegt, aber auch die Werke von Autoren wie Jürgen Habermas, Georg Lukács, Herbert Marcuse u.v.a..

1957 erschien aber auch mit dem Gedichtband “Die Vorzüge der Windhühner” das erste Buch von Günter Grass bei Luchterhand, dem im Jahre 1959 der Roman “Die Blechtrommel” folgte, mit dem der Luchterhand Verlag zu internationalem Renommé gelangte. Dieses Ansehen wurde in den sechziger Jahren mit Übersetzungen moderner französischer Autoren (u.a. Guillaume Appolinaire, Georges Bataille, Paul Éluard, Eug√®ne Ionesco, Michel Leiris, Francis Ponge, Claude Simon), Neuausgaben naturalistischer und expressionistischer Werke (u.a. von Hans Henny Jahnn, Kasimir Edschmid, Arno Holz, Albert Ehrenstein) und, vor allem, deutscher Gegenwartsliteratur von Autoren wie H. C. Artmann, Reinhard Baumgart, Peter Bichsel, Manfred Bieler, Elisabeth Borchers, Ludwig Harig, Günter Herburger, Ernst Jandl, Hermann Lenz, Christoph Meckel, Ernst Meister, Anna Seghers, Dieter Wellershoff oder Gabriele Wohmann, weiter gefestigt.

1970 wurde die Taschenbuchreihe Sammlung Luchterhand mit Originalausgaben und Nachdrucken aus den Bereichen Literatur, Medientheorie, Politik und Sozialwissenschaften ins Leben gerufen. Zwei Jahre später wurde die Trennung des literarischen vom juristischen Programm beschlossen und der literarische und sozialwissenschaftliche Bereich als ein eigenständiger Verlag etabliert. Unter der Leitung von Otto F. Walter zog der literarische Zweig des Verlags nach Darmstadt um. Walter, der über zehn Jahre als Verleger für Luchterhand tätig war, konnte zahlreiche namhafte Autoren für sich gewinnen. Werke von DDR-Autoren wie Jurek Becker, Maxie Wander, Christa Wolf, und Schweizern wie Kurt Marti und Jean Ziegler sowie dem russischen Autor Alexander Solschenyzin verhalfen Luchterhand zu nachhaltigem Erfolg und ließen den Verlag neben Suhrkamp zu einem der wichtigsten deutschen Literaturverlage werden.

1975, anlässlich des 50jährigen Verlagsjubiläums, schrieb Günter Grass in einem Beitrag für den Band: “Luchterhand. Die ersten 50 Jahre. 1924-1975”: “Ab Ende der sechziger Jahre erlaubte sich der Luchterhand Verlag eine Reihe von verlagsinternen Krisen, an denen die Autoren, auch wenn sie den Schaden zu tragen hatten, unbeteiligt waren. Oft verhielten sich Verlagsleitung und Verlagsmitarbeiter zueinander, als seien nur sie der Verlag, als gäbe es keine Autoren: Man erfuhr aus der Presse, was sich die Herren zu sagen hatten. Ich habe mich immer bemüht, die Verlagsleitung und die Mitarbeiter des Verlages darauf hinzuweisen, dass ein neues und durch Statuten gefestigtes Verständnis verlegerischer Arbeit nur bei Beteiligung der Autoren möglich sein wird. Um meinen Vorstellungen mehr Nachdruck zu geben, habe ich dem Luchterhand Verlag gekündigt, bis sich die Verlagsleitung dazu entschließen wird, einen Aufsichtsrat einzurichten, in dem Verlagsmitarbeiter und Verlagsautoren in paritätischem Verhältnis zur Verlagseignerseite Sitz und Stimme haben. Es ist den Autoren nicht länger zuzumuten, dass die Zufälligkeit der Erbnachfolge bei Verlagen in Privatbesitz ihre literarische Arbeit gefährdet.”

In der Folge wurde 1976 ein Autorenstatut durchgesetzt, das den Autoren tiefgreifende Mitspracherechte zusicherte. Als dann 1987 der Hermann Luchterhand Verlag ohne Absprache mit den Autoren an die niederländische Verlagsgruppe Kluwer verkauft wurde, kam es zu heftigen Protesten vieler Autoren, die sich übergangen fühlten und die schließlich den Weiterverkauf des literarischen Teiles des Hermann Luchterhand Verlags an die “Arche Verlag AG”, Zürich, durchsetzten. Unter der Leitung von Elisabeth Raabe und Regina Vitali wurde der Firmensitz des Luchterhand Literaturverlags 1989 nach Frankfurt/Main verlegt, 1991 schließlich nach Hamburg. 1991 verließ Günter Grass wie zuvor auch schon andere Autoren den Verlag. 1993 wurde die Sammlung Luchterhand an dtv verkauft, 1994 wechselte schließlich auch Christa Wolf mit ihrem aktuellen Buch “Auf dem Weg nach Tabou” zu Kiepenheuer & Witsch.

Mit dem Erwerb des krisengeschüttelten Luchterhand Literaturverlags 1994 durch den Münchner Wirtschaftsanwalt Dietrich von Boetticher wurde der Firmensitz nach München in die Widenmayerstraße 4 verlegt. Unter Christoph Buchwald und Gerald Trageiser gelang es Christa Wolf, deren Werke seit “Der geteilte Himmel” bei Luchterhand erschienen waren, zurückzugewinnen und neue Autoren wie Carl Amery, António Lobo Antunes, Frank McCourt, Anna Enquist, Hanns-Josef Ortheil und Annie Proulx an den Verlag zu binden. In kurzer Zeit erfolgte der Wiederaufstieg zu einer geachteten literarischen Adresse. 1997 wurde der Luchterhand Verlag vom Fachmagazin “Buchmarkt” zum Verlag des Jahres gewählt. 2001 wurde die Sammlung Luchterhand mit sechs Lyrikbänden, darunter Ernst Jandls letzte Gedichte, wieder neu bei Luchterhand etabliert. In ihr erschienen seitdem wieder Werke zahlreicher Luchterhand-Autoren, u.a. von Franz Hohler, Ernst Jandl, Hanns-Josef Ortheil, Christa Wolf u.v.a..

Im Oktober 2001 wurde der Luchterhand Literaturverlag von der Verlagsgruppe Random House übernommen; im März 2002 erfolgte der Umzug in die Neumarkter Straße in München; im Januar 2005 übernahmen Georg Reuchlein und Regina Kammerer die Programmleitung des Verlags.

Der Luchterhand Literaturverlag ist heute wieder einer der anerkannten Literaturverlage Deutschlands. In ihm erscheinen zur Zeit ca. 20 Hardcover-Novitäten pro Jahr und etwa 20 Titel in der Sammlung Luchterhand. Zu den Autoren des Verlags zählen neben den schon genannten u.a. Melitta Breznik, Bernardo Carvalho, Michael Cunningham, Ulrike Draesner, Rabea Edel, Christian Haller, Hugo Hamilton, Kerstin Hensel, Franz Hohler, Robert Ide, Ernst Jandl, Etgar Keret, Steffen Kopetzky, Anna Mitgutsch, Marcel Möring, Terézia Mora, Pablo Neruda, Christiane Neudecker, Viktor Pelewin, Philip Reichardt, Ali Smith, Joshua Sobol, Sa≈°a Stani≈°ic, Madeleine Thien und Michael Wallner.

Neben der Entdeckung und Förderung jüngerer Autoren legt der Luchterhand Literaturverlag auch großen Wert auf sorgfältig edierte Werkausgaben. 1997 wurde eine zehnbändige Ausgabe der Werke Ernst Jandls herausgebracht, ab 1999 folgte eine zwölfbändige kommentierte Ausgabe der Werke Christa Wolfs. 2004 erschien eine Leseausgabe der Werke Friedrich Hölderlins, herausgegeben von D. E. Sattler, 2005 eine neu übersetzte Ausgabe der poetischen Werke des irischen Nobelpreisträgers W. B. Yeats, 2006 in der Sammlung Luchterhand eine fünfbändige Werkausgabe Michail Bulgakows, und 2008 wurde eine vierbändige Werkausgabe von Hans Sahl begonnen.

Die Sammlung Luchterhand wurde im November 2005 programmatisch neu ausgerichtet. Seitdem erscheinen hier vorwiegend Originalausgaben und deutsche Erstveröffentlichungen, so u.a. Romane oder Erzählungen von Anne Donovan, Etgar Keret, Matthew Kneale, Andrew Kaufman, Amanda Sthers, Jeff Talarigo, Dimitri Verhulst u.v.a., Gedichte von Ulrike Draesner, Lawrence Ferlinghetti, Louise Glück, Franz Hohler, Norbert Hummelt, Don Paterson oder Hanns-Josef Ortheils Mozartbuch “Das Glück der Musik” und Hugo Hamiltons Irlandbuch “Die redselige Insel”.

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