Verlagsgeschichte Fischer

1886
Im Spätsommer 1886 gründet der 26jährige Samuel Fischer seinen eigenen Verlag, sechs Jahre nachdem er als Buchhändlergehilfe von Wien nach Berlin gekommen ist. Erste literarische Publikation des neuen Verlages, zu dessen Programm zunächst zum Beispiel auch Eisenbahnkursbücher gehören, ist Ende Januar 1887 Henrik Ibsens Schauspiel „Rosmersholm“.

1890
Auch wenn Titel ausländischer Autoren (u.a. Dostojewskij und Zola) einen deutlichen Akzent im Verlagsprogramm setzen, wird der Verlag zum Forum für zeitgenössische deutsche Literatur, besonders für den deutschen Naturalismus. Gerhart Hauptmann wird 1890 zum Fischer-Autor – in diesem Jahr erscheint auch die Zeitschrift „Freie Bühne für modernes Leben“ (Vorläuferin der „Neuen Deutschen Rundschau“ und der noch heute erscheinenden „Neuen Rundschau“) zum ersten Mal, auch sie repräsentiert zunächst die heftig umstrittene Literaturströmung des Naturalismus. Zug um Zug verwirklicht Samuel Fischer seine Vorstellungen: Eine wichtige Rolle in seinem Konzept der Präsentation von Literatur spielen die Gesamtausgaben noch lebender Autoren – diese verlegerische Linie, die mit einer dreibändigen Edition von Ibsen-Dramen 1890 begann, setzt sich im S. Fischer Verlag bis auf den heutigen Tag fort. Mitte der neunziger Jahre gerät die „Wiener Moderne“ ins Blickfeld von Samuel Fischer. In seinem Verlag erscheinen nun (zum Beispiel) die Werke von Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal.

1897
Ein 21jähriger Autor sendet eine Novelle an die im Berliner S. Fischer Verlag erscheinende „Neue Deutsche Rundschau“. Der junge Schriftsteller, er heißt Thomas Mann, hat zwar schon kürzere Prosaarbeiten in Zeitschriften veröffentlichen können, ist aber noch unbekannt. Die Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ erscheint schon wenige Wochen später im Maiheft der „Rundschau“. „Ich war ein elfjähriges Kind, als er in Berlin seinen Verlag gründete. Zehn Jahre später war es der Traum jedes jungen Literaten, ein Buch bei S. Fischer zu haben, und meiner auch“, schreibt Thomas Mann im Rückblick auf diese Zeit. Im Frühjahr 1898 erscheint Thomas Manns erstes Buch bei S. Fischer: „Der kleine Herr Friedemann“ (mit fünf weiteren Novellen) wird als Band VI der Reihe „Collection Fischer“ ausgeliefert.

1901
„Die Buddenbrooks“ erscheinen im Oktober in einer 1100 Seiten starken zweibändigen Ausgabe. Doch erst durch die einbändige Ausgabe 1903 kam der Durchbruch – die Buddenbrooks wurden der bis heute wichtigste Bucherfolg des S. Fischer Verlages. Auch Jakob Wassermanns „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs“ kommt in diesem Jahr als Buch heraus – der Roman wird ein veritabler „Longseller“: über ein Vierteljahrhundert wird er immer wieder neu aufgelegt.

1903
Hermann Hesse wird Autor des Verlages. Gleich das erste Buch, „Peter Camenzind“, wird zu einem großen Erfolg. 1905 erscheint Unterm Rad, von 1907 bis 1912 drei Erzählungsbände.

1908
Mit „Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane“ wird erfolgreich versucht, anspruchsvolle Literatur einem großen Publikum zugänglich zu machen. Monatlich wird ein Band veröffentlicht – der Pappband kostet eine Mark, die Leinenausgabe eine Mark fünfundzwanzig. Den Auftakt der Reihe macht der Roman „L’Adultera“ von Theodor Fontane.

1914
Der Erste Weltkrieg bewirkt zunächst einen starken Rückgang der Nachfrage nach belletristischer Literatur, die aber 1915 wieder ansteigt. Otto Flake, Alfred Döblin werden Fischer-Autoren. Eine besonders wichtige Stellung im Verlagsprogramm haben die vielgelesenen Werke des Managers, Schriftstellers und Politikers Walter Rathenau. Gegen Ende des Krieges gerät die gesamte Buchwirtschaft, und mit ihr der S. Fischer Verlag, in zunehmende Schwierigkeiten. Eine Fusion des S. Fischer Verlages und des Kurt Wolff Verlages scheitert knapp.

1919
Demian. Die Geschichte einer Jugend eines gewissen „Emil Sinclair“ erscheint im S. Fischer Verlag. Das Buch wird rasch zum Bestseller. Mit „unheimlicher Genauigkeit“ habe dieses Buch den Nerv der Zeit getroffen, so Thomas Mann später. Erst ein Jahr später enthüllt Hermann Hesse seine Autorschaft, worauf das Buch unter dem Titel „Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend“ neu erscheint.

1924
Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ erscheint. (Der Erfolg dieses Buchs kommt nicht unbedingt erwartet – schon nach wenigen Tagen ist die erste Auflage vergriffen.) „Der Zauberberg“ wird in viele Sprachen übersetzt. In den frühen zwanziger Jahren erhält die englischsprachige Literatur einen deutlichen Akzent im Verlagsprogramm, zum Beispiel erscheinen Werke von Walt Whitman, Eugene O’Neill, Joseph Conrad und John Dos Passos.

1925
Der Arzt Gottfried Bermann tritt in den Verlag ein. Der zukünftige Schwiegersohn Samuel Fischers (im Jahr darauf heiratet er dessen Tochter Brigitte) soll, so die Absprache, die Leitung des Verlages im Fall des Ausscheidens von Samuel Fischer übernehmen.

1929
In diesem Jahr, das auch den Beginn der großen Wirtschaftskrise markiert, erscheint Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ im S. Fischer Verlag. Thomas Mann wird im November 1929 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Zu einem geradezu sensationellen Erfolg wird die „Volksausgabe“ von Thomas Manns „Buddenbrooks“: Innerhalb von knapp zwei Monaten werden über 700.000 Exemplare verkauft.

1933
Vom Beginn des nationalsozialistischen Regimes ist der S. Fischer Verlag sofort betroffen. Die Bücher von zahlreichen Autoren des Verlages können nicht mehr erscheinen beziehungsweise nicht mehr verkauft werden – für viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller beginnt die schreckliche Zeit von Verfolgung, Flucht und Exil. Samuel Fischer und Gottfried Bermann Fischer (der den Familiennamen seiner Frau dem seinen angefügt hat) versuchen trotz aller Beschränkungen, Schikanen und Zensurauflagen, den Verlagsbetrieb in Deutschland aufrechtzuerhalten.

1934
Samuel Fischer stirbt am 15. Oktober in Berlin.

1936
Der Verlag wird geteilt. Gottfried Bermann Fischer geht nach Wien, um dort mit einem Teil der Autoren bzw. Rechte (u. a. Thomas Mann, Hofmannsthal, Zuckmayer, Wassermann, Döblin) den „Bermann-Fischer Verlag“ zu gründen. Der S. Fischer Verlag in Berlin unter der Leitung von Peter Suhrkamp versucht, unter den Bedingungen der Diktatur mit den Werken nicht verbotener Autoren (z. B. Hermann Hesse) weiterzuarbeiten.

1938
Der „Anschluß“ Österreichs bewirkt das schlagartige Ende des Wiener Verlages. Mit knapper Not kann die Familie Bermann Fischer nach Italien und von dort in die Schweiz fliehen. Der Bermann-Fischer Verlag wird dann mit Sitz in Stockholm neu gegründet und arbeitet nun als reiner Exilverlag, ohne die Möglichkeit, in Deutschland noch Bücher auf den Markt zu bringen. In diesem Verlag erscheinen in den Jahren darauf zum Beispiel Werke von Stefan Zweig und Franz Werfel.

1940
Die Besetzung Norwegens durch deutsche Truppen und das drohende Übergreifen des Krieges auf Schweden (Bermann Fischer wird zudem von der schwedischen Polizei verhaftet) zwingt abermals zur Flucht – diesmal auf abenteuerlichen Wegen nach New York. Von dort führt Bermann Fischer die Geschäfte des Stockholmer Verlages weiter. Als weitere Unternehmung wird (gemeinsam mit dem Verleger Fritz H. Landshoff) die „L. B. Fischer Publishing Corporation“ in New York gegründet. Der in Deutschland verbliebene Teil des Verlages ist immer stärkeren Repressionen ausgesetzt. 1942 wird der Verlag gezwungenermaßen in „Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer“ umbenannt, der Name des Gründers wurde später ganz gestrichen. Im April 1944 wird Peter Suhrkamp verhaftet und in Gestapo-Haft gefoltert. Nach einer Zeit im KZ Sachsenhausen kommt er erst wenige Wochen vor Kriegsende wieder frei.

1945
Nach Kriegsende ist die Situation des geteilten Verlages ungeklärt. Der „Suhrkamp Verlag“ wird in Berlin (1945) neu gegründet, dann der „Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer“ in Frankfurt am Main (1946). Für das Stammhaus unter der Leitung von Bermann Fischer bleibt Stockholm Verlagssitz – hier erscheint auch 1947 die Erstausgabe von Thomas Manns „Doktor Faustus“. 1948 wird der Verlag nach Amsterdam verlegt und unter dem Namen „Bermann-Fischer/Querido Verlag“ (wiederum ist Fritz H. Landshoff Teilhaber) neu gegründet. Außerdem nimmt eine Wiener Niederlassung den Betrieb auf, die zum Beispiel 1948 den ersten Roman von Ilse Aichinger veröffentlicht: „Die größere Hoffnung“.

1950
Eine außergerichtliche Einigung zwischen Gottfried Bermann Fischer und Peter Suhrkamp bringt Klärung und Trennung: Suhrkamp verläßt den Berliner und den Frankfurter Verlag, die beide an Bermann Fischer zurückfallen. Die von Suhrkamp betreuten Autoren können frei entscheiden, ob ihre Rechte an den „S. Fischer Verlag“ (Bermann Fischer) oder an den „Suhrkamp Verlag“ (Peter Suhrkamp) fallen sollen – für letzteres entscheiden sich beispielsweise Hermann Hesse und Bertolt Brecht. Beide Verlage nehmen ihren Sitz in Frankfurt am Main. Gleich im ersten Jahr des neuen S. Fischer Verlages wird mit der Herausgabe der Werke eines Autors begonnen, der erst in den fünfziger Jahren als „klassischer“ Autor der Moderne wahrgenommen wurde: Franz Kafka. Als erster Band der von Max Brod besorgten Ausgabe erscheint „Der Prozeß“.

1952
Die „Fischer Bücherei“ startet – dieses Taschenbuchprogramm wird für das Verlagsprofil immer wichtiger, nicht zuletzt durch Großprojekte wie das „Fischer Lexikon“, die „Fischer Weltgeschichte“ und das jährlich neu erscheinende Nachschlagewerk „Fischer Weltalmanach“.

1953
Der S. Fischer Verlag beginnt damit, die Werke Sigmund Freuds einem großen Publikum bekannt bzw. neu bekannt zu machen. In den sechziger Jahren erscheinen dann die „Gesammelten Werke“ und ab 1969 die „Studienausgabe in zehn Bänden“ (herausgegeben u.a. von Alexander Mitscherlich).

1954
Ab 1954 erscheinen Virginia Woolfs Werke in Einzelausgaben (bereits 1934 war bei S. Fischer die Erzählung Flush erschienen). Die angelsächsische Literatur ist eine tragende Säule des Programms geworden – unter anderem auch durch die Veröffentlichung der Bühnenstücke von Arthur Miller, Thornton Wilder und Tennessee Williams. In diesem Jahr erscheint auch die Erzählung Das Brandopfer von Albrecht Goes.

1955
„Das Tagebuch der Anne Frank“ erscheint. Die Aufzeichnungen des jüdischen Mädchens sind sicherlich zu den wirkmächtigsten Schriften des 20. Jahrhunderts zu zählen.

1958
Einen der größten Erfolge der Verlagsgeschichte bedeutet die deutschsprachige Ausgabe von „Doktor Schiwago“. Der Autor Boris Pasternak wird in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet (Pasternak wird allerdings von der sowjetischen Führung gezwungen, die Ehrung abzulehnen).

1963
Aus Altersgründen ziehen sich Gottfried Bermann Fischer und seine Frau Brigitte aus der Verlagsleitung zurück. Schrittweise wird der Verlag an Georg von Holtzbrinck verkauft. Die Programmgeschäftsführungen der folgenden Jahre und Jahrzehnte setzen die verlegerische Linie Samuel Fischers und Gottfried Bermann Fischers fort.

1966
Das Taschenbuchprogramm wird im neugegründeten Fischer Taschenbuch Verlag weitergeführt.

1974
Monika Schoeller, die Tochter Georg von Holtzbrincks, übernimmt die Verlagsleitung.

1976
Der seit 1934 bestehende Wolfgang Krüger Verlag wird neu gegründet und gehört seitdem zu den S. Fischer Verlagen.

1978
Die „Collection S. Fischer“ (in Anlehnung an die gleichnamige Reihe ab 1897) startet – unter diesem Reihennamen erscheinen preiswerte Ausgaben der Werke junger Autorinnen und Autoren.

1984
Die Aufzeichnungen und Briefe der Geschwister Scholl erscheinen und sind ein vielbeachteter Beitrag zur Geschichte des Widerstands gegen die nationalsozialistische Herrschaft.

1986
Der S. Fischer Verlag feiert sein 100jähriges Bestehen.
Nach wie vor ist der S. Fischer Verlag der Verlag der „klassischen“ deutschen Moderne. Hier liegen die Werke der Jahrhundert-Autoren Thomas Mann, Franz Kafka und Sigmund Freud in wissenschaftlich fundierter, verbindlicher Form vor, natürlich sind hier auch Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, zu nennen, ferner Max Horkheimer, Stefan Zweig, Franz Werfel, Carl Zuckmayer, Arno Schmidt, Hubert Fichte bis hin zu zeitgenössischen Autoren wie Ilse Aichinger, Hilde Domin, Reiner Kunze, Günter de Bruyn, Wolfgang Hilbig, Josef Haslinger und Christoph Ransmayr.

1995
Gottfried Bermann Fischer stirbt am 17. September auf seinem Alterssitz in der Toskana (Brigitte „Tutti“ Bermann Fischer war am 28. Mai 1991 verstorben).

1996
Seit diesem Jahr gehören zu den S. Fischer Verlagen auch drei Berliner Verlage: der Alexander Fest Verlag (bis 1.1.2001), der Argon Verlag und der Nicolai Verlag (bis 31.12.2004).

1999 – 2000
Die S. Fischer Verlage strukturieren die Bereiche Lektorat und Marketing komplett um. Beispielsweise treten an die Stelle der einzelnen Verlags-Lektorate neue Programmbereiche mit übergreifender Kompetenz (Deutsche Literatur, Fremdsprachige Literatur, Unterhaltung, Allgemeines Sachbuch/Wissenschaft und Ratgeber/Populäres Sachbuch).

2001
Der S. Fischer Verlag tritt zum Frühjahrsprogramm mit einem grafischen Neuauftritt (Buchgestaltung und Werbung) an die Öffentlichkeit.

Start der auf 38 Bände angelegten Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe (GKFA), der Werke, Briefe und Tagebücher Thomas Manns. Zum ersten Mal wird das gesamte Werk, eine umfangreiche Auswahl der Briefe und die Tagebücher in einer wissenschaftlich fundierten und ausführlich kommentierten Ausgabe zugänglich machen.

2002 – 2003
Verlegerin Monika Schoeller zieht sich im Oktober 2002 aus der operativen Leitung der S. Fischer Verlage zurück, bleibt aber ohne Ressort Vorsitzende der Geschäftsleitung. Die Programmgeschäftsführung übernehmen Jörg Bong (für den S. Fischer Verlag) und Peter Lohmann (für den Fischer Taschenbuch Verlag, den Krüger Verlag und den Argon Verlag). Ab 1.1.2003 gehören auch die Verlage Scherz und O.W. Barth (Programmgeschäftsführung ebenfalls Peter Lohmann) zu den S. Fischer Verlagen .

2008
Start der Taschenbuchreihe „Fischer Klassik“. Idee des Programms ist es, die wichtigsten Autoren von der Antike bis zur Klassischen Moderne mit ihren bedeutendsten Werken zu präsentieren.

Das Werk von Alfred Döblin kehrt im Jahre 2008 zu S. Fischer zurück. Der in Paris lebende Sohn des großen Schriftstellers, Stephan Döblin, und das Frankfurter Verlagshaus unterzeichneten eine entsprechende Vereinbarung über die Weltrechte an dem umfangreichen Oeuvre.

Die aktuelle Geschäftsführung der S. Fischer Verlage besteht aus Monika Schoeller (Vorsitzende), Dr. Jörg Bong (Programmgeschäftsführer), Michael Justus (Kaufmännischer Geschäftsführer) und Dr. Uwe Rosenfeld (Geschäftsführer Marketing/Vertrieb).

© Fischer

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