22/01/2012von 773 Views – 2 Kommentare

Like a Virgin

Meinungs-EselWerden die Thalia-Shops verkleinert? Oder gar verkauft? Und wäre das eine Chance für die kleinen Buchhandlungen um die Ecke?


In der Adventszeit wurde es bei Thalia immer voller und je näher Weihnachten kam, desto länger wurden die Schlangen vor den Kassen. Deshalb kam im Neuen Jahr die Meldung überraschend, dass die Gewinne dramatisch eingebrochen wären (1). Der Douglas-Konzern, zu dem Thalia gehört, kündigte an, Filialen auf die Größe von maximal 600 Quadratmetern zu verkleinern und eventuell Teile der Flächen an Untermieter weiterzureichen. Kurz darauf sickerte durch, dass man bei Douglas überlege, Thalia überhaupt zu verkaufen (2).

Das erinnert ein wenig an die Geschichte der Virgin Megastores (zumindest in Wien): die haben ab den 1990er-Jahren den kleinen Plattenläden das Leben schwer gemacht, ihre KundInnen jedoch nach und nach an die Elektronik-Supermärkte verloren und mussten im neuen Jahrtausend schließen.

Plötzlich bemerkten die KonsumentInnen, dass ihre feinen kleinen Läden mit Fachberatung zugesperrt hatten, weil man seit Jahren lieber billiger eingekauft hatte. Doch zu dieser Zeit hatte das legale Downloaden von Musik, also das Online-Shopping-Zeitalter, schon längst begonnen.

Im deutschen Buchhandel beträgt der Marktanteil der Online-Anbieter wie Amazon derzeit 13,8 Prozent, Tendenz steigend (3). Bei Thalia rechnet man deswegen mit Umsatz-Einbrüchen von mehr als 40 Prozent im Filialgeschäft. Das hat gewiss auch mit dem E-Book-Verkauf zu tun, der in deutschsprachigen Ländern zwar erst etwa ein Prozent vom Gesamtmarkt beträgt, in den USA jedoch bereits sechs Prozent (4). Nicht nur Amazon, auch libri.de verkauft laut eigenen Angaben bereits mehr E-Books als Hardcover. (5) {Und in den USA wurden im Jahr 2011 erstmals mehr Musik-Downloads als CDs verkauft. (6)}

Wohl dank der Buchpreisbindung konnte Thalia kleinere Buchhandlungen nicht in dem Maße verdrängen wie dereinst Virgin die Plattenläden. Doch selbst wenn Douglas Thalia nicht verkauft, könnte dessen Zukunft aussehen wie die der Virgin-Shops in Deutschland. Dort betreibt man nur noch Bahnhofs-Shops mit eingeschränktem Sortiment.

Wäre das eine Chance für die Buchhandlung um die Ecke? Werden die sich nächste Weihnachten vor KundInnen, die nach mehr als Bestsellern suchen, nicht mehr retten können?

Werner Schuster

(1) Die Welt: Thalia belastet Douglas
(2) Die Presse: Thalia könnte verkauft werden
(3) Börsenverein: Branchenmonitor Buch (Oktober 2011)
(4) Buchreport: Tempomacher kommen aus der zweiten Reihe
(5) Buchreport: Digitaler Meilenstein
(6) futurezone: USA: Musik-Downloads erstmals vor CDs

2 Kommentare zu "Like a Virgin"

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  1. wps sagt:

    „Mit dem Rückbau bei den marktführenden Filialisten wächst die Chancengleichheit. Der Wettbewerb um Qualität nimmt wieder zu“, meint Arnd Roszinsky-Terjung im Börsenblatt.

  2. wps sagt:

    Buchreport: Müssen sich die klassischen Buchhändler keine großen Sorgen machen?

    E-Commerce-Spezialist Gerrit Heinemann:
    Doch, weil sie stärker als andere Einzelhändler unter den Auswirkungen der Digitalisierung leiden. Digitalisierbare Produkte sind durch die Vorteile der niedrigeren Transaktionskosten eine besondere Herausforderung. Auch wenn Klaus Driever, der Chef von weltbild.de, eine parallele Nutzung von elektronischen und gedruckten Büchern sieht, gehe ich davon aus, dass es zu einer Verschiebung kommen wird. Da wird der kleine Buchhändler Probleme bekommen.

    „Amazon wird Marktanteil bis 2020 verdoppeln“

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