14/09/2011von 889 Views – 0 Kommentare

Koonchung, Chan: Die fetten Jahre

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  • Gebunden
  • 298 Seiten
  • Erschienen 2011 bei Eichborn
  • Übersetzt von Johannes Fiederling
  • Originalausgabe: „Shengshi Zhogguo 2013“, 2009


Inhalt:

Der Staatskapitalismus hat gesiegt, der Gigant des Ostens ist die Weltmacht Nummer eins, Starbucks heißt jetzt Wang Wang – doch ein Mann und eine Frau wollen den Preis für den neuen Wohlstand nicht akzeptieren. (Pressetext)

Kurzkritik:

Wir haben es hier einerseits mit einem Entwicklungsroman zu tun (der mir ein bisschen zu happy endet), andererseits mit einem Thesenroman: Koonchung handelt Chinas Innen- und Wirtschaftspolitik ab und er versucht, diese mit einer rein kapitalistischen zu vergleichen.

Das ist alles – für sich genommen – gut geschrieben und interessant, aber es ist mir nicht gut genug ineinander verwoben. Ich würde sagen, Koonchung konnte sich nicht entscheiden, ob er nun einen Entwicklungs- oder einen Thesenroman schreiben sollte, und hat beide nicht unter einen Hut gebracht.

Werner gibt  ★★★½☆  (3,5 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Das künstliche Paradies

Vor Kurzem ist „Super Sad True Love Story“ (auf Deutsch) erschienen, in dem Gary Shteyngart eine Welt beschreibt, in der die USA bankrott sind, der Dollar Yuan-gestützt wurde und China als einziges Land die Weltwirtschaftskrise halbwegs unbeschadet überstanden hat (siehe auch hier). – Chan Koonchungs „Die fetten Jahre“ könnte dazu das Buch aus Sicht der ChinesInnen sein, ist es aber nur zum Teil.

Koonchung beschreibt nämlich eine ähnliche Welt, – die Weltwirtschaft liegt danieder, nur in China floriert der Kapitalismus, aber nicht nur. Alle Menschen sind außerdem zufrieden und glücklich.

Der verschwundene Monat

Auch der Schriftsteller Xiaoxi. Und anfangs mag er jenen nicht glauben, die behaupten, sei ein Monat aus der Geschichtsschreibung gestrichen worden und nur ganz wenige könnten sich an diese Zeit erinnern. – Was mag in diesem Monat nur geschehen sein?

Nun trifft Xiaoxi „natürlich“ auf eine Frau, in die er dereinst verliebt gewesen ist und die eine dieser Wenigen ist. Widerwillig beginnt auch er allmählich an diesem relativen Paradies auf Erden zu zweifeln.

Zwei Romane in einem

Wir haben es hier also einerseits mit einem Entwicklungsroman zu tun (der mir ein bisschen zu happy endet), andererseits mit einem Thesenroman: Koonchung handelt Chinas Innen- und Wirtschaftspolitik ab und er versucht, diese mit einer rein kapitalistischen zu vergleichen.

„Der einzige Unterschied bestand darin, dass im Westen – zumindest theoretisch – die Regierung ihre Macht vom Volke verliehen bekam, während in China die Freiheiten des Volkes von der Regierung gewährt wurden. War dieser Unterschied wirklich so relevant?“, sagt ein hoher chinesischer Politfunktionär.

Nicht unter einen Hut gebracht

Und: „Marktwirtschaft: man muss wissen, wo der Staat sich nicht einzumischen braucht – und wo er sich unbedingt einmischen muss.“

Das ist alles – für sich genommen – gut geschrieben und interessant, aber es ist mir nicht gut genug ineinander verwoben. Ich würde sagen, Koonchung konnte sich nicht entscheiden, ob er nun einen Entwicklungs- oder einen Thesenroman schreiben sollte, und hat beide nicht unter einen Hut gebracht.

Ein Essay mit einem Roman drumherum

Außerdem sind mir der Plot des Entwicklungsromans nicht originell und die Thesen nicht bestechend genug. Aber von mir aus hätte Koonchung auch einen Essay oder ein Pamphlet schreiben können – mit dem, was er jenem Politfunktionär in den Mund gelegt hat.

Aber natürlich ist „Die fetten Jahre“ ein für chinesische Verhältnisse mutiges Buch, was die Beschreibung und Analyse dieser Verhältnisse betrifft. Und mit besagtem Essay hätte Koonchung weder in seiner Heimat noch in der übrigen Welt jene Aufmerksamkeit erreicht, welche seinem Roman zuteil wird.

Koonchungs Botschaft

Ich hätte trotzdem lieber einen formal gelungeneren Roman gelesen. Vielleicht hätte Koonchungs so seine Botschaft noch weiter verbreiten können.

Von Werner Schuster

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Infos:

Leseprobe

Chan Koonchung wurde 1952 in Shanghai geboren und wuchs in Hongkong auf. Er war Chefredakteur und Verleger des monatlich erscheinenden Magazins City, er hat zahlreiche Filme produziert und Bücher veröffentlicht. Außerdem war er an Finanzierung und Management mehrerer Medienunternehmen beteiligt. Er ist Gründer der Umweltschutzgruppe Green Power in Hongkong und der Bio-Produktionsfirma Produce Green sowie Vorstandsmitglied bei Greenpeace International.
Im Jahr 2000 zog Chan Koonchung nach Peking, um für Die fetten Jahre zu recherchieren, seitdem konzentriert er sich ganz auf das Schreiben. Er ist einer der ganz wenigen intimen Kenner Chinas, die fließend Englisch sprechen und dennoch auf dem Festland leben, also nicht ausgewandert sind.

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