04/09/2011von 1.077 Views – 2 Kommentare

Vorsätzlicher Dilettantismus

Einige junge Erfolgsschriftsteller lesen anscheinend nur, um sich die Recherche zu ersparen, – und (re)produzieren dann leblose Klischees.

In letzter Zeit verstärkt sich mein Eindruck, dass viele Bücher von den Verlagen über ihrem Wert angeboten werden. (Dass hier ausschließlich von Diogenes-Büchern die Rede ist, ist Zufall – ich kann und möchte mich z.B. an das dtv-Tralala-Buch „Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy“ von A. T. Nwaubani nicht mehr so genau erinnern.)

Das „in letzter Zeit“ erspart es mir, über Martin Suter zu ätzen, dem der (relative) Tiefgang mit dem Erfolg abhanden gekommen ist.

Zu unterhaltsam

Bitte mich da jetzt nicht misszuverstehen: ich mag mich mit Kunst auch unterhalten und liebe die Anekdote, der zufolge Le Carré einmal von einem deutschen Journalisten gefragt worden sein soll, warum er denn bei seinem Talent so unterhaltsame Bücher schreibe. Darauf – angeblich – Le Carré: „Ja, wollen sich denn die Leute bei Ihnen nicht unterhalten?“

Anders gesagt: es geht mir nicht um Gedankenschwere. Sondern um Leichtfertigkeit. Und ich finde, Fabio Volo und Benedict Wells machen es sich in ihren neuen Romanen allzu leicht. Respektive: es wird ihnen von allen Seiten zu leicht gemacht. (Bei dieser Gelegenheit: bedeutet Lektorat heute nur mehr: schwerwiegende Fehler zu korrigieren?)

Genial?

Das alles wäre an sich noch nicht schlimm, wenn es denn nicht Menschen gäbe, die „Fast genial“ allen Ernstes für genial halten. Oder haben wir es hier bloß mit einer missbräuchlichen Verwendung von Superlativen zu tun? – Ich glaube nicht.

Ich befürchte, dadurch, dass Strand- oder „Müde-nach-der-Arbeit“-Bücher als Literatur verkauft werden, gehen schön langsam Qualitätskriterien verloren. Das hat nichts mit Geschmack zu tun, sondern mit Werbung, die bekannter Maßen … sagen wir … übertreibt.

Irgendeine – irgendwie

Und so glaube ich, hier werden AutorInnen darin bestätigt, dass es genügt, eine halbwegs originelle Idee zu haben, sich dazu irgendeine Geschichte einfallen zu lassen und diese dann irgendwie runterzuschreiben. Wenn es denn vorsätzlich wäre, könnte man dies als vorsätzlichen Dilettantismus bezeichnen.

Lesen die denn selbst nicht? Wollen sich die kein Beispiel nehmen an anderen SchriftstellerInnen, die sich um Aufbau, Dramaturgie und einen persönlichen Stil bemühen? Anscheinend nicht: anscheinend lesen sie (oder sehen sich Filme an), um sich die Recherche zu ersparen, – und (re)produzieren dann leblose Klischees.

Die gute Nachricht

Die gute Nachricht ist: es geht auch anders. Ebenfalls bei Diogenes ist kürzlich das neue Buch von McCarten erschienen, das ich jetzt auch nicht als genial bezeichnen würde, aber als gut geschriebenen Roman im herkömmlichen Sinn. – Durch-„komponiert“, mit einer ausgereiften Idee und vielleicht keiner einzigartigen, aber doch wiedererkennbaren Art zu formulieren. Ein literarisches Lesevergnügen, nicht (viel) mehr, aber auch nicht weniger.

Soll ich mir also keine Sorgen machen? Ich hoffe es sehr.

Werner Schuster


Zum Nachlesen:

Wells: Fast genial & McCarten: Liebe am Ende der Welt
Volo: Noch ein Tag und eine Nacht
Suter: Allmen und die Libellen
Nwaubani: Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy


2 Kommentare zu "Vorsätzlicher Dilettantismus"

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  1. Lektorat interessiert heutzuage niemanden mehr, im Gegenteil: manche Verlage ziehen es vor, in den Manuskripten selbstgerecht herumzufuhrwerken und sogar nachträglich Fehler einzubauen. Semantik korrekte Zeitschmata werden als altmodischer Tand abgetan…
    woho

    • wps sagt:

      das nachträgliche Fehler Einbauen ist mir neu.
      Aber ich hab mal mit Komponisten gesprochen, die mir gesagt haben: nicht immer sind die Komponisten schuld, wenn ein Werk komisch oder schrecklich klingt.

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