12/12/2010von 484 Views – 0 Kommentare

Mir wird schwindlig vor lauter Leut‘

Es war der vorletzte Samstag vor Weihnachten und er ging Geschenke einkaufen.

– Herr Doktor, Herr Doktor, mir geht‘s nicht gut. Mir geht‘s sogar gar nicht gut. Wenn ich unter die Leut‘ geh‘, krieg‘ ich so komische Gefühle.
– Wie sehen denn diese Gefühle aus, Herr – öh – Karner?
– Na, eng is‘ es, eng! Mir wird richtig schwindlig vor lauter Leut‘.
– Und haben Sie eine Ahnung, wo das herkommt, womit das zusammenhängt?
– Naja schon. Schau‘n Sie, Herr Doktor, ich hab‘ da zu Weihnachten, also vor Weihnachten so ein Erlebnis g‘habt.
– Na dann setzen Sie sich einmal hin und berichten in aller Ruhe.

In Ruhe berichten

– In Ruhe? In Ruhe berichten? Davon in Ruhe berichten?
– Versuchen Sie‘s doch einmal.
– Nein, nix, mir wird gleich wieder schwindlig.
– Nun, dann probieren wir einmal folgenden aus: Sie setzen sich an den Tisch dort, ich geb‘ Ihnen Papier und Kugelschreiber, und Sie schreiben sich die Sache vom Herzen.
– Und Sie?
– Was: ich?
– Was tun Sie?
– Ich schau‘ Ihnen zu.
– Nein! Schau‘n Sie mir nicht zu!
– Also gut, versprochen: Ich schau‘ Ihnen nicht zu.

Im DKT verloren

Und Herr Karner setzt sich hin und schreibt:
Nachdem ich zum 496. Mal gegen meinen Sohn im DKT verloren hatte, beschloss ich, ihm diesmal zu Weihnachten nicht wieder ein Brettspiel zu schenken, sondern das, was er sich wünscht: ein Computerspiel.

Doch anstatt zum kleinen Händler ums Eck zu gehen, mich beraten zu lassen, ein Spiel zu kaufen und nach höchstens fünfzehn Minuten wieder daheim zu sein, glaubte ich in einem Großkaufhaus vielleicht ein Schnäppchen machen zu können. Ausnahmsweise hatte ich nur bis zum vorletzten Einkaufssamstag gewartet. Aber natürlich fuhr ich mit dem Auto, weil die tolle Einkaufsstraße von mir aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwas umständlich zu erreichen ist. Eine halbe Million andere taten das auch. Und es ging sehr friedlich zu – wenn man in die stehenden Autos nicht hineinsah.

Weihnachtslieder mit ordinären Texten

Jedenfalls hatte ich nach mehreren Stunden – in denen ich alle Weihnachtslieder, die ich kenne, mit ordinären Texten versehen, immer wieder sang – einen Platz in einem Parkhaus ergattert. Es gehörte zwar nicht zu dem Kaufhaus, in das ich gewollt hatte, aber man kann nicht alles haben.

Sobald ich aus meinem Auto gestiegen war, wurde ich von einem Menschenstrom erfasst – jeder Fünfte hatte auch noch eine Weihnachtsmann-Mütze auf!, – und durch so ziemlich jeden Gang in so ziemlich jedem Stockwerk dieses Kaufhauses geschoben. Doch weil ich sowieso noch alle Geschenke für alle meine Lieben brauchte, fand ich das anfangs ganz in Ordnung. Erst als ich entdeckte, dass ich nirgendwo stehen bleiben konnte, wenn ich endlich etwas Passendes erblickt hatte, wurde mir langsam anders. Es war nicht so, dass ich aggressiv geworden wäre, ich hätte nur jeden umbringen können, der mich berührte.

Heilfroh, mit dem Leben davonzukommen

Nach zwei, drei Ewigkeiten kam ich auf diese Weise in die Spielwarenabteilung. Was waren dagegen die paar Stunden, bis ich zu den Computerspielen gelenkt worden war! Hastig ergriff ich ein paar Spiele und wollte mir im Weitergeschoben-Werden eines aussuchen. Doch plötzlich ging ein Ruck durch die Menge, ich stolperte – und alle Spiele fielen zu Boden. Als ich mich nach ihnen bücken wollte, schob sich die Menschenmasse wieder zusammen, und ich war heilfroh, mit dem Leben davonzukommen. Erst als ich wieder in der Lage war, unser aller Ausdünstungen einzuatmen, kam mir zu Bewusstsein, dass ich diese Weihnachten vielleicht nicht mehr an den Computerspielen vorbeikommen würde.

Da erblickte ich an der nächsten Ecke einen Korb mit Sonderangeboten – mit nur mehr einem Computerspiel drinnen. In einem letzten Anflug von Verzweiflung drängte ich mich durch die Menschen, ich sah, wie eine Frau nach dem Spiel griff, ich stürzte nach vorne, ich entriss ihr das Spiel – und verschwand in der Menge.

Kaufhaus-Zombies

Dann ließ ich mich zu einer Kassa treiben. Dort strich ein zombi-artiges Wesen mit dem Laserstift über Strichcodes, las eine Zahl ab, nahm Geldscheine entgegen, gab Geld heraus. Ein anderes zombi-artiges Wesen schnappte die Spiele, welche sich neben ihr stapelten, stopfte sie mechanisch in Plastiksäcke. So geschah es auch bei mir.

Völlig erschöpft hing ich in der Menschenmasse und nachdem ich mehrmals gefleht hatte, man möge mich doch zu meinem Auto bringen, stand ich irgendwann tatsächlich davor. Ich weiß nicht mehr, wie ich aus der Garage kam, wie ich durch den Stau kam, wie ich nach Hause kam. Als ich in der Nähe meines Wohnhauses eingeparkt hatte, kam ich wieder zu mir. Ich sah das Einkaufssackerl neben mir auf dem Beifahrersitz liegen, ich griff nach dem Spiel, zog es heraus – und hielt ein DKT in der Hand. Die Verkäuferin musste sich geirrt haben. Ich hatte keine Kraft mehr zu weinen.

Die Wut, die Hilflosigkeit, der Schmerz

– Und, geht es Ihnen jetzt besser, Herr – öh – Karner?
– Naja, ein bisserl schon.
– Wollen Sie noch etwas dazu sagen.
– Im Moment nicht, Herr Doktor.
– Dann sagen Sie mir, rein interessehalber, was haben Sie mit dem DKT gemacht?
– Umgetauscht. (In Tränen ausbrechend) AM LETZTEN EINKAUFSSAMSTAG!
– So ist‘s gut, Herr Karner, nur heraus mit der Wut; mit der Hilflosigkeit; mit dem Schmerz.

Von Werner Schuster

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