10/10/2010von 670 Views – 2 Kommentare

Tiere essen

Meine Tochter ist seit einem Jahr Vegetarierin. Von mir kann sie das nicht haben, aber ich akzeptiere es, auch wenn ich mit ihren Argumenten nicht viel anfangen kann („mir graust“). Und weil ich außerdem manchmal doch die Zeiten herbeigesehnt habe, wo ich ihr einfach ein Paar Würstchen kochen konnte, wollte ich sie besser verstehen und habe mir „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer gekauft.

Das fängt ganz harmlos an: „Diese Geschichte begann nicht als ein Buch. Ich wollte nur wissen – für mich und für meine Familie – was Fleisch eigentlich ist. Wo kommt es her? Wie wird es produziert? Welche Folgen hat unser Fleischkonsum für die Wirtschaft, die Gesellschaft und unsere Umwelt? Gibt es Tiere, die man bedenkenlos essen kann? Gibt es Situationen, in denen der Verzicht auf Fleisch falsch ist? Warum essen wir kein Hundefleisch? Was als persönliche Untersuchung begann, wurde rasch sehr viel mehr als das –“

Es war Samstag und ich lag mit einer Verkühlung und ein bisschen Fieber im Bett, und mit einem Mal war‘s schon spät und ich konnte nicht mehr aufhören, dieses Buch zu lesen.

Es hat ein bisschen was von einem Krimi – von True Crime, besser gesagt. Zwischendurch musste ich – noch unvernünftigerer Weise als sonst – geschwind mal eine Zigarillo rauchen, weil ich meiner Empörung darüber, was Hühnern angetan wird, bevor wir sie essen, vorerst nicht anders Ausdruck geben konnte.

Und ich wollte eigentlich nicht mehr wissen, was wir Rindern und Schweinen antun lassen, gleichzeitig aber musste ich es wissen. Besser gesagt: Ich musste mein Wissen auffrischen. Entsetzt musste ich mir das, was wir verdrängen, um heutzutage Tiere essen zu können, wieder bewusst machen lassen, und ich kann nicht sagen, was schlimmer ist: was Tieren angetan wird oder dass wir es verdrängen. (Foer schildert das alles ganz persönlich und nüchtern, überhaupt nicht belehrend oder sich ereifernd, sodass man es schwer abwehren kann.)

Ich muss gar nicht ins Detail gehen: Sie kennen die Bilder von Massentierhaltung genauso wie ich. Sie kaufen wahrscheinlich trotzdem Fleisch genauso wie ich. Vielleicht glauben auch Sie der Werbung mit ihren schönen bunten Fotos von glücklichen Tieren auf grünen Weiden unter strahlend blauem Himmel.

Doch das, was Sie dann auf dem Teller haben, stammt mit größer Wahrscheinlichkeit von einem Ort, den man nicht anders als mit Hölle auf Erden beschreiben kann, vielleicht auch als Straflager für Sklaven, und wurde mit einer Art Sklavenschiff zum Schlachten gebracht. (Das Bild, das sich mir tatsächlich aufdrängt, erscheint mir pietätlos.)

Das, was Sie auf Ihrem Teller haben, ist außerdem eher ungesund und seine Herstellung schädigt die Umwelt in großem Ausmaß.

Und welche Konsequenzen ziehe ich nun daraus? – Ich habe beschlossen, kein Fleisch mehr zu essen, das aus einer Massentierhaltung kommt. Denn ich kann es mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren, dieses unvorstellbare Leid zu unterstützen. Ich verstehe nicht, wie wir es so weit haben kommen lassen.

Ich habe kurz überlegt, es meiner Tochter und Foer gleich zu tun und Vegetarier zu werden, doch dann habe ich mich an jenes köstliche Steak in einem kleinen Landgasthof in Irland erinnert (das Rind hatte mit Sicherheit noch vor Kurzem auf der saftigen Weide draußen vorm Fenster gegrast), habe mich erkundigt und festgestellt, dass es eine Alternative gibt.

Ich bin mir zwar noch nicht sicher, ob der Slogan „artgerechte Tierhaltung“ nicht ein ähnlicher Werbetrick ist wie die glücklichen Tiere auf den übrigen Fleischpackungen, aber das werde ich noch herausfinden.

Und ich werde in nächster Zeit kein Buch darüber lesen, wie jenes Obst und Gemüse hergestellt wird, das wir uns verkaufen lassen. Das Blöde ist nur: Ich weiß es ohnehin.

Werner Schuster

„Tiere essen“ ist erschienen bei KiWi und erhältlich bei Amazon als Hardcover.


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2 Kommentare zu "Tiere essen"

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  1. Karin sagt:

    Das Problem damit ist, dass es ja mit dem Fleischverzicht allein eigentlich nicht getan ist. Wenn man überlegt wo überall noch tiersche Erzeugnisse (so ein Schlachttier wird ja zu fast 100% verwertet) drinn sind wirds schwer.
    Wir haben einen wunderbaren Bio-Fleischhacker – aber auch da muss man sich im klaren sein, dass die Viecher nicht einfach todgestreichelt werden.

    • wps sagt:

      schon klar, ich denke nur, je mehr mal auf massentierhaltungs-fleisch verzichten, desto mehr müssen auch produzenten und handel reagieren. und auch wenn ich vielleicht nicht auf 100% kommen werde, so sind auch 90% mehr als bisher vielleicht 10%.
      und dass tiere getötet werden, wenn ich fleisch essen will, war mir immer schon klar. der unterschied ist halt für mich schon, ob sie (vorher und währenddessen) leiden oder nicht.

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