18/10/2013von 226 Views – 0 Kommentare

Lesenotizen zu Hughes‘ „Orkan über Jamaika“

fuellfederVorsicht! Kann (muss aber keine) Spoiler enthalten.
Im Zweifel verstecke ich die jeweilige Passage. (Klick mich an.)

Spoiler ist eine Information, die wesentliche Handlungselemente verrät und dadurch den Lesegenuss verderben kann.


Richard Hughes: Orkan über Jamaika
Hardcover
Dörlemann Verlag, 252 Seiten
Übersetzt von Michael Walter
Zur Inhaltsangabe (unten).

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(18.10., 23 Uhr) Dritter Anlauf. Manche Bücher brauchen ihre Zeit, und die für „Orkan über Jamaika“ war für mich scheinbar noch nicht gekommen. Jetzt aber beginne ich, den ironischen Ton von Hughes zu genießen (in „In Bedrängnis“ hatte er einen eher sachlichen angeschlagen – siehe meine Rezension).

Dass er anfangs wenig freundlich über „Neger“ schreibt, darüber will ich einmal hinwegsehen.

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Hughes ist gar nicht als der kühle Beschreiber wiederzuerkennen. Nunja, er zeichnet hier ja auch das Bild von Jamaika (und nicht von einem Orkan auf hoher See) sowie das Bild einer Kindheitsidylle.
(„Orkan über Jamaika“ ist übrigens sein Debütroman, wie ich nachgesehen habe; mit 28 Jahren geschrieben.)

Wenn einer schriftstellern kann, dann kommt es v.a. auf das WIE an (nachdem das Was geklärt wurde). Wie Hughes z.B. den Orkan damit beginnen lässt, dass die Kinder einen Schwarzen beobachten, der das herumliegende Taschentuch ihres Vaters an sich nehmen möchte, dieses dann liegen lässt, weil Sonntag ist, und es später dann doch stiehlt.
Als der Orkan mit einem Gewitter beginnt, kommt der Schwarze ins Haus und legt dem Vater das Taschentuch hin. Später wird seine Hütte in Flammen aufgehen – und er vom Blitz getroffen. Erst dann beginnt der Orkan, das Haus abzutragen … (S. 32 ff)

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Über die Mutter der Kinder: „Sie steckte voller Theorien über Kindererziehung, die sie aus Zeitmangel nicht in die Praxis umsetzen konnte.“ (S. 42)

War, wie Hughes Kinder beschreibt, 1928 fortschrittlich? Heute wirkt es doch ein wenig von oben herab.

Die Kinder werden von den Eltern per Schiff nach England zurückgeschickt.
Der Kapitän schreibt einen Brief, dass sein Schiff von Piraten gekapert worden ist, welche die Kinder umgebracht haben.
Schön langsam wird das Buch humorvoll (oder es fällt mir erst jetzt auf). Wie sich der Piraten-Überfall tatsächlich abgespielt hat, was die Piraten für Typen sind, die Versteigerung der Beute – das ist nicht mehr Ironie, erinnert eher daran, wie Johnny Depp Captain Jack Sparrow spielt.

Die Piraten sind eigentlich harmlos (und die letzten ihrer Art, weil sich Piraterie damals nicht mehr rentierte).
Ein Junge stirbt bei einem unglücklichen Sturz.

(Richard Hughes‘ Mutter ist auf Jamaika aufgewachsen, er hat vier Romane (und fürs Theater und für den Film) und das wahrscheinlich erste Hörspiel geschrieben.)

Das älteste Mädchen, Margaret, sondert sich von den Kindern ab und verbringt ihre Zeit mit den Piraten, aber es wird nicht verraten, was sie mit ihnen macht.

Wie Hughes etwas lang vorher ankündigen kann, und dann erinnert man sich doch daran: Etwa den fallenden Marlspicker, den Rachel unabsichtlich auf Emily fallen lässt, worauf die am Bein Verletzte in der Kapitänskajüte untergebracht wird.
Spoiler

Dort wird die den Kapitän eines aufgebrachten Schiffes mit einem Messer töten; man wird Margaret über Bord werfen, aber wieder aus dem Meer fischen. Danach wird die Stimmung an Bord vergiftet sein.

Die Piraten täuschen sogar vor, dass sie Gefangene foltern (!).

„Wie in aller Welt sah es eigentlich in den Köpfen von Kindern aus?” (S. 186)

Kapitän Jonsen will die Kinder loswerden und macht einem Dampfer vor, dass er sie vor Piraten gerettet habe. Die Kinder werden nach England gebracht.
Spoiler

Emily verrät, wer die Piraten sind; sie werden verhaftet und bei einem Prozess zum Tode verurteilt. Emily ist die Hauptzeugin: Sie berichtet, was ihr die Anklage hat auswendig lernen lasssen.
Die Eltern sind nach dem vermeintlichen Tod ihrer Kinder ebenfalls nach England gezogen.

Das Ende ist – nach den vielen humorvollen Passagen – erschreckend.

Ein unglaublich mitreißender, irgendwie lustiger und dann umso schrecklicherer Roman.
Wirkt er wegen der neuen Übersetzung so modern oder wäre er das auch in der Ausgabe von 1973? (19. 10., 22 Uhr)


Inhalt

Im Mittelpunkt des Romans steht die zehnjährige Emily Bas-Thornton. Sie lebt mit ihrer Familie auf Jamaika, doch als ein Orkan u ber die Insel hinwegfegt und das Wohnhaus der Familie davonträgt, beschließen die Eltern, ihre Kinder nach England heimzuschicken.
John, Emily und die „Krümel“ werden einem Schiff anvertraut, das jedoch gekapert wird. Die Kinder bleiben durch eine Verknüpfung unglücklicher Umstände an Bord des Schiffes mit den überaus freundlichen Piraten und erleben in der Folge zahlreiche Abenteuer, ehe sie an Bord eines Dampfers nach England gelangen.
Richard Hughes erzählt in einem atemberaubenden Abenteuerroman, dass das Berüchtigte keineswegs so gefährlich und das Unschuldige so harmlos ist, wie es den Anschein macht.

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