25/01/2013von 505 Views – 0 Kommentare

Neues im Suhrkamp-Streit

In drei Wochen könnte der Suhrkamp-Verlag aufgelöst werden, weil die Gesellschafter zerstritten sind. Jetzt meldet sich Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz zu Wort. – Wir bringen Aktuelles und eine Chronologie des Konflikts.

Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz über den Streit

Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz meldet sich erstmals im Suhrkampstreit zu Wort und kündigt Gespräche mit Minderheitsgesellschafter Hans Barlach an: Gegenüber der ZEIT sagte sie, ihre Seite habe vorgeschlagen, anstehende Gerichtsverfahren „vorerst auszusetzen, um diesen Gesprächen den nötigen Raum zu geben.“ Die Verlegerin räumt öffentlich Fehler ein – und widerspricht Aussagen zu roten Zahlen bei Suhrkamp, berichtet das Börsenblatt.

Dabei räume sie Verfehlungen ihrerseits bei der umstrittenen Nutzung von Flächen ihrer Villa durch den Verlag ein: „Im Nachhinein gibt es immer Dinge, deren Verlauf man sich anders gewünscht hätte, auch in Bezug auf die Anmietung der Räumlichkeiten in meinem Haus.“, teilt die ZEIT in einer Vorabmeldung ihrer Ausgabe Nr. 5 vom 24. Januar mit.  

„Wir sind wirtschaftlich gesund“

Angesichts des für den 13. Februar geplanten Prozesses in Frankfurt stellt Ulla Unseld-Berkéwicz klar: „Ich bin der festen Überzeugung, dass es keine ausreichende Rechtsgrundlage für die Auflösung des Verlages gibt.“ Entschieden wehrt sich Ulla Unseld-Berkéwicz gegen Vorwürfe Hans Barlachs und dementiert Behauptungen über Suhrkamps prekäre ökonomische Lage: „Wir sind wirtschaftlich gesund und praktisch schuldenfrei.“ Die Forderungen Barlachs, der in den vergangenen sechs Jahren Gewinne in Millionenhöhe aus der Verlagsgruppe gezogen habe, richteten sich daher momentan nicht nur auf ihren Rücktritt: „Sie folgen dem Ziel, maximale Ausschüttungen zu erhalten“. Offenbar beabsichtige er, den Verlag zu übernehmen.  

Die Sorgen der Autoren

Zur jetzigen Lage erklärte Ulla Unseld-Berkéwicz: „Der Verlag ist nicht führungslos und wird es auch nie sein.“ Die Sorgen der Autoren angesichts des bevorstehenden Prozesses seien aber verständlich: „Die Autoren und die Erben der Autoren haben alle das Recht, ihre Rechte zurückzuziehen, wenn sich die Mehrheitseigentümerschaft ändert oder der Verlag aufgelöst wird, was meines Wissens in der Rechtsgeschichte noch nie vorgekommen ist.“

Siegfried Unseld wäre fassungslos

Ihr 2002 verstorbener Ehemann und Verleger Siegfried Unseld wäre angesichts der bisherigen Urteile „so fassungslos wie wir und würde wie wir in die Berufung gehen.“ Für sie selbst käme zum jetzigen Zeitpunkt weder Verkauf noch Rücktritt in Frage: angesichts Suhrkamps guter Gesamtentwicklung „werde ich doch nicht vor einer Hürde, die den gesamten Verlag bedroht, scheuen und ausscheren, ehe sie genommen ist.“  

Der Gerichtsbeschluss

Im Streit mit Geschäftsführerin Unseld-Berkéwicz hat Verlagsmitbesitzer Barlach laut der Zeit einen am 10. Dezember 2012 Teilsieg erzielt.

Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz wurde einem Gerichtsbeschluss zufolge als Geschäftsführerin des Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzte einen entsprechenden Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft.

Gelder veruntreut?

Das Gericht gab damit dem Minderheitsgesellschafter Hans Barlach Recht. Er hatte 2011 gegen die damalige Geschäftsführung geklagt. Der Vorwurf: Die Geschäftsführung habe ihre Kompetenzen überschritten und Gelder veruntreut. Barlach hatte moniert, die Geschäftsführung habe durch die Anmietung von Veranstaltungsräumen im Privathaus von Unseld-Berkéwicz dem Verlag geschadet.

Hans Barlach über den Konflikt

Nach dem Gerichturteil sah Hans Barlach in der FAZ Chancen für eine Lösung des KonfliktsVorausgesetzt, Suhrkamp zieht den Antrag auf Ausschluss von Barlachs Medienholding Winterthur aus der Suhrkamp-Geschäftsführung zurück. Sein Vorschlag: „Jede Seite ginge auf ihre Position zurück, Frau Unseld-Berkéwicz auf ihre Familienstiftung und Barlach auf seine Medienholding, und dann schlösse man Frieden. Dann würde man die entsprechenden Beiräte und Gremien mit den richtigen Leuten besetzen, also mit Autoren und Beratern, die unabhängig agieren könnten und mit einem Vetorecht ausgestattet würden – ganz so, wie es Siegfried Unseld einmal geplant hatte.“

Auflösung als Chance?

Auch die Auflösung der Kommanditgesellschaft, die Barlach beantragt hat, sei eine Chance für einen Neuanfang: „Dann hätte keiner mehr die Mehrheit und der Geschäftsführer bekäme den Auftrag, das Kommanditkapital am Markt anzubieten“. Er sei interessiert daran, dass Suhrkamp „zukunftsfähig ist“, das gehe aber nur, wenn Gewinne erwirtschaftet würden – woran Barlach zweifelt.

„Ich habe mir das gekauft“

Sein Hauptvorwurf gegen die Suhrkamp-Geschäftsführung ist, dass die Familienstiftung sich nicht an die Gesellschafterverträge gehalten habe. Die zahlreichen Prozesse würden ihn 60.000 bis 70.000 Euro im Monat kosten. Aufgeben kommt für Barlach allerdings nicht in Frage: „Ich habe mir das gekauft. Im Gegensatz zu den Erben der Familienstiftung“.

Vorgeschichte

Nach dem Tod des Firmenpatriarchen Siegfried Unseld im Jahr 2002 brachen laut Wikipedia im Verlag Intrigen und Machtkämpfe aus. Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz stieg 2003 an die Spitze der Geschäftsführung auf. Ein Mitglied des hochkarätigen Stiftungsrats, dem auch Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas angehören, trat aus Protest zurück, mehrere Geschäftsführer gingen, wichtige Autoren kehrten Suhrkamp den Rücken.

Medieninvestor, Bildhauerenkel

Der Hamburger Medieninvestor Hans Barlach sowie der Lobbyist und Kontaktvermittler Claus Grossner (1941–2010) wollten zum Jahreswechsel 2006/2007 die Anteile des Schweizer Unternehmers Andreas Reinhart in Höhe von 29 Prozent an Suhrkamp und Insel sowie 45 Prozent an der Verlagsholding übernehmen. Barlach, Enkel des Bildhauers Ernst Barlach, ist unter anderem Miteigentümer der Hamburger Morgenpost. Die Mehrheitseignerin und Leiterin von Suhrkamp, Ulla Unseld-Berkéwicz, wollte die Rechtmäßigkeit des Verkaufs überprüfen lassen. Da sich Grossner und Reinhart nicht über die Zahlung einigten, blieben Reinhart und Barlach zu je 50 % die Aktionäre der Medienholding AG (Winterthur).

Siegfrieds Sohn

Joachim Unseld, Sohn von Siegfried Unseld, verkaufte im November 2009 seine ihm noch zu Lebzeiten durch den Vater übertragenen Anteile (20 %) an die beiden Mehrheitsgesellschafter. Die Anteile erhielten zu gleichen Teilen die von Siegfried Unselds Witwe, Ulla Unseld-Berkéwicz, kontrollierte Familienstiftung und die Medienholding AG Winterthur. Barlach ist somit zu 39 Prozent am Suhrkamp Verlag beteiligt, Unseld-Berkéwicz hält über eine Familienstiftung die restlichen 61 Prozent.

Scheiternder Minderheitsgesellschafter

Zwischen der Familienstiftung und der Mediengruppe herrscht seit dem Einstieg von Barlach ein erbitterter Streit über die Leitung des Verlages. Die Mediengruppe scheiterte als Minderheitsgesellschafter in der Gesellschafterversammlung damit, zwei von ihr vorgeschlagene Geschäftsführer für den Verlag zu bestellen. Außerdem sieht sie ihre Informationsrechte verletzt und erhebt Vorwürfe über unsachgemäße Ausgaben des Verlages, die der Mehrheitsgesellschafterin direkt zu Gute kamen, sowie Veruntreuung von Geldern, Kompetenzüberschreitung, geschäftsschädigendes Verhalten und Missmanagement. Die Differenzen werden vor Gericht ausgetragen und im Rahmen der Prozesse haben beide Gesellschafter ihren Wunsch erklärt, die Anteile der jeweils anderen Seite zu übernehmen.

Auflösung der Gesellschaft beantragt

Ende 2012 beantragte die Medienholding die Auflösung der Gesellschaft für den Fall, dass ihren Ansprüchen nicht stattgegeben würde. Der vorsitzende Richter stellte im Prozess fest: „Beide Gesellschafter sehen sich offenbar wechselseitig als Inkarnation des Bösen“ und befürchtete: „Einer der namhaftesten Teilnehmer am Literaturbetrieb der Nachkriegszeit droht zu verschwinden.“

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Quellen:

Börsenblatt
– Zeit
– FAZ
– Wikipedia

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