20/01/2010von 1.755 Views – 2 Kommentare

Pittler, Andreas: Tacheles

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Buchcover
Krimi
Erschienen 2008 bei Echomedia
Inhalt:

Wien, Sommer 1934. Am Judenplatz wird ein Fabrikant bestialisch ermordet. Polizeioberst Bronstein – wie das Opfer jüdischer Abkunft – soll Licht in die Angelegenheit bringen. Zu einer Zeit, da in Deutschland schon die Nazis herrschen, drängt sich auch in diesem Fall der Verdacht auf, die braunen Horden hätten den Mann auf dem Gewissen, und nur allzu schnell muss Bronstein merken, dass ihn seine Polizeimarke nicht länger schützt. Der Jäger sieht sich plötzlich in der Rolle des Gejagten, ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Und vor dem Hintergrund der polizeilichen Ermittlungen steuert Österreich auf einen Naziputsch zu. (Pressetext)

Kurzkritik:

Dieser im Wien der 1930er Jahre spielende Krimi wurde mir wärmstens empfohlen, doch ich persönlich wurde nicht recht glücklich damit.

Werner gibt  ★★☆☆☆  (2 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Wien, Judenplatz, 1934

An diesem Buch hat mich leider am meisten fasziniert, wie gegenteiliger Meinung man darüber sein kann.

Am Judenplatz wird ein Fabrikant ermordet, Polizeioberst Bronstein – wie das Opfer jüdischer Abkunft – soll den Fall aufklären.

Christian Klinger meint dazu bei Amazon: „Ein Krimi, der Seinesgleichen sucht. Ein Stück jüngerer Zeitgeschichte – die Handlung ist in der Endzeit des Dollfuß-Regimes angesiedelt – wird in einen fesselnden, historisch profund recherchierten Roman verpackt. Die Sprache ist besonders hervor zu heben: Ohne unnötigen verbalen Ballast wird der Leser vom präzisen Erzählstil gefangen genommen und in eine lange zurück liegende Zeit entführt. Das alte Wien der Zwischenkriegszeit entsteht in der Fantasie des Lesers. Dramatisch die Entwicklung des Protagonisten, der mit zunehmender gesellschaftlicher Veränderung (Deutschland hat bereits seinen langen Arm nach Östereich ausgestreckt) mit der eigenen, jüdischen Herkunft konfrontiert wird. Nicht nur aufgrund einer fast tödlichen Attacke eines illegalen Braunen beginnt ihn die Geschichte und Tradition des egenen Volkes zu interessieren. Die Charaktere sind überzeugend gezeichnet, die Dialoge kurzweilig und zuweilen derb, aber immer auf den Punkt getroffen. Ein Buch mit kriminalistischem Unterhaltungswert, das zum Denken anregt.“

Naziputsch

Ich selbst finde, der historische Hintergrund wird vor allem durch die Zeitungslektüre des Polizeioberst Bronsteins vermittelt – und durch zum Teil parolenartige Dialoge von Sozialisten und Nazis.

Wirklich lebendig wurde die Vergangenheit für mich auch nicht. Und das liegt vor allem an Pittlers sowohl trockenem wie ausladendem Stil. Zum Beispiel braucht er fast eine halbe Seite für die Beschreibung, wie Bronstein sich welche Zigarette anzündet, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt (auf Seite 55) bereits wissen, dass der Herr Oberst gerne und viel raucht.

Sex mit einer Zeugin

Oder: Bevor die Verdächtigen ihre Aussagen machen, liefern sie alle brav ihre Lebensläufe ab, etwa: „Ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe nach der Volksschule ab September 1914 das Gymnasium bei den Schotten besucht und dort auch im Sommer 1923 maturiert. Danach war ich einjährig freiwillig bei der Armee, wo ich heute noch Reserveoffizier bin. Im Februar 1925 immatrikulierte ich mich (–). Seit Jänner 1930 bin ich auch in der Firma meines Vaters tätig.“

Und nicht nur mutet Bronsteins Verhörtechnik ziemlich stümperhaft an („Wir wissen, dass du‘s warst. Es wär besser für di, wennst gestehst. Dann kommst vielleicht mit Totschlag davon. Zehn Jahr‘ statt lebenslang, des is doch immerhin a Perspektive.“), er hat auch seltsamer Weise – ausführlich beschriebenen – Sex mit einer Zeugin (was allerdings weder für ihn noch für den Fall Konsequenzen hat).

Krankenhausreif

Ich habe mich gefragt, wie es so jemand zum Polizeioberst gebracht hat. Denn der Fall nähert sich seiner Aufklärung erst, als einer der Hauptverdächtigen die Beherrschung verliert und den Herrn Oberst krankenhausreif schlägt.

Und so fand ich ebendiese Aufklärung des Kriminalfalls eher langweilig – und die Auflösung nicht besonders originell. Der historische Hintergrund blieb für mich abstrakt. Und an der Hauptfigur hat mich eigentlich nur der assimilierte Bronstein interessiert, der von seinem Umfeld immer mehr in die Rolle eines „Juden“ gedrängt wird.

Ansonsten merkt man viel Konstruktion und Kalkül. Meine ich. Elke Herber wiederum schreibt auf LiteraturBlog, „Andreas Pittler, der Geschichte und Politikwissenschaften studierte, hat toll recherchiert und die Zeitgeschichte in einen spannenden Roman verpackt. Ich kann dieses Buch wirklich sehr empfehlen!“

Von Werner Schuster

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Infos:

Andreas P. Pittler, geboren 1964 in Wien, studierte Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Wien und wandte sich danach dem Journalismus zu. Seit 1985 veröffentlichte er 23 Sachbücher, zumeist historischen Inhalts, darunter Biographien. Zudem erschienen seit 2000 mehrere Romane und Bände mit Kurzgeschichten.

Über Andreas Pittler bei Wikipedia und auf seiner Homepage.

2 Kommentare zu "Pittler, Andreas: Tacheles"

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  1. wps sagt:

    Lieber Christian,
    vielleicht hab ich das Buch zum falschen Zeitpunkt gelesen, oder Pittlers Stil ist halt einfach nicht mein Fall.
    Weitere Kommentare sind jedenfalls sehr erwünscht.
    Liebe Grüße, Werner

  2. Lieber Werner!

    Nachdem sowohl die Empfehlung als auch die eingangs erwähnte Bewertung bei amazon auf mich zurückgeht, komme ich nicht umhin, doch einen Kommentar zu deiner Besprechung abzugeben.

    In der Tat bemerkenswert ist, wie unterschiedlich doch die Geschmäcker sind, da Pittlers Tacheles nicht nur von Kollegen (worunter sich durchaus auch einige klingende Namen befinden)gelobt wird, sondern eigentlich auch im Feulleton überdurchschnittlich positiv aufgenommen wurde.
    Nachdem meine Meinung zu dem Buch ohnehin dokumementiert ist, lass mich nur einen kleinen Ausschnitt etwas genauer erläutern:
    Du schreibst, die Vergangenheit sei für die nicht wirklich lebendig geworden. Genau das ist aber ein Punkt, den ich bei den Bronstein Romanen so schätze. Ich bin ein Typ, der sich in Bildbänden , so um die Jahrhundertwende der Monarchie, tagelang verkriechen könnte. All diese wunderbaren Fotos (aus einer nur aus der Distanz betrachtet als “schön” zu bezeichnenden Epoche) in Schwarz Weiß wurden für mich bei Pittler bunt. Und nicht nur das, das Buch hat all meine Sinne gefordert. Ich konnte Bronsteins Zigarettenrauch in den alten Cafés schmecken und hörte die ausgetretenen Dielen unter den Schritten des Kellners knarren.Ich hör besser auf damit, bevor mich jemand zum “Vogeldoktor” schickt

    Es wäre toll, wenn sich andere hier finden würden, die das Buch lesen und ihren Eindruck dazu schildern könnten.

    Liebe Grüße
    Christian

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