09/08/2009von 883 Views – 0 Kommentare

Als wir noch Walter Richard Langer waren

Liebe LeserInnen,

statt der Eselsbrücken erscheint ab sofort sonntags eine Kolumne, für die mir noch kein Name eingefallen ist. „Buchlos” wäre eine Möglichkeit, weil es darum geht, was die Eselsohren-MitarbeiterInnen außer zu lesen tun (bevorzugt Kulturelles). Wenn Ihnen ein besserer Titel – oder sonst etwas zur Kolumne – einfällt, dann verraten Sie uns dies doch in einem Kommentar.

Zeit für Kultur
wünscht
Werner Schuster


Als wir noch Walter Richard Langer waren

Werner SchusterVor ein paar Monaten hab ich ein paar Wochen damit zugebracht, mir ein gebrauchtes Kassettendeck zu ersteigern (weil unser altes kaputtgegangen war, auf dem ich mir ab und zu aus Sentimentalität nicht mehr erhältliche Alben oder alte, selbst zusammengestellte Compilations angehört hatte).

Dann stand das neue tolle alte Ding unbeachtet herum, bis ich vor ein paar Tagen unbedingt Al Jarreau hören wollte (der mich an meinen verstorbenen Freund Hans erinnert – einen Musiker, der sein Geld als Postbote verdiente – und überhaupt an die Zeit, als ich noch nicht einmal 30 war).

Flora meinte: fad. O.k. Ich suchte ihr das Live-Album (ebenfalls auf Kassette) heraus, auf dem Jarreau seine Oral-Percussion-Meisterschaft zelebriert, aber die hat sie auch nicht interessiert.

„Bitte sehr“, dachte der Werner meiner Jugend, und konterte mit „Zappa in New York“, was ihr zwar besser gefiel, aber auch schon wieder zu schräg war. Besonders „The Purple Lagoon“.

Dazu gibt‘s eine Geschichte. Jede/r weiß, wer Kulturchef des „Falter“ ist, aber kaum jemandem ist noch bekannt, dass ich mit ihm in die Schule gegangen bin. Dort hatte er jedenfalls – gemeinsam mit anderen proaktiven Intellektuellen – den Jazz für sich entdeckt. Das wirkte sich dann so aus, dass die eine Kassette im Kreis gehen ließen, auf der sie sich Musiknummern aufnahmen, dazu den „Keep Swinging“-Radiomoderator Walter Richard Langer imitierten und auch noch Ratespiele einbauten („Wie du sicher erkannt hast, war das Milt Jackson an den vibes“).

Ich wollte da ebenfalls mitmachen, und sie haben mich gelassen.

Allerdings nur ein Mal. Und das wohl nicht, weil ich (den für seine überkorrekte Aussprache berühmten) Walter Richard Langer nicht nachzuahmen versucht habe, sondern weil (glaube ich zumindest) eine meiner Moderationen ungefähr lautete: „Wie du sicher erkannt hast, war das Mike Brecker am tenor sax, Ronnie Cuber am baritone sax, Patrick O‘Hearn am bass, Randy Brecker an trumpet – und Franz Zappa an guitar.“

Ja, „The Purple Lagoon“ war schon ein (die Künder von Bebop und Modern Jazz) verarschend gemeinter Stilbruch. (Walter Richard Langer hätte wahrscheinlich kein Problem damit gehabt; er hat ja auch in seiner Sendung „Vokal – Instrumental – International“ Musikstücke gespielt, die nicht unbedingt mit Jazz assoziiert werden.)

Zurück in die Gegenwart: Auf dieses Zappa-Stück schien mir „The Great Pretender“ in der Version von Lester Bowie passend. Was dem Kulturchef des Falter ein paar Jahre nach jener Kassetten-Runde bestimmt gefallen hätte. Denn, als ich ihn während unserer Studentenjahre bei einem „Art Ensemble of Chicago“-Konzert traf (bei dem Bowie mitgespielt hat), hat er spöttelnd gefragt: „Was machst den DU hier?“ Und dann warnend geflüstert: „Das ist Free Jazz!“ Worauf ich, um ihm eine Freude zu machen, so getan habe, als würde ich entsetzt den Ausgang suchen.

Flora jedenfalls schloss wirklich die Tür zu ihrem Zimmer, während ich in gerührter Erinnerung an Hans und Klaus und sonst noch viel schwelgte. Walter Richard zum Beispiel.

Werner Schuster


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