11/02/2014von 339 Views – 0 Kommentare

Mann mit blauem Schal: Ich saß für Lucian Freud (kurz)

Ein Tagebuch von Martin Gayford
Gebunden
247 Seiten
Übersetzt von Heike Reissig
Piet Meyer Verlag, 2011

Werner gibt  ★★★★½ 
Inhalt: Über einen Zeitraum von mehr als 7 Monaten (28. November 2003 bis 4. Juli 2004) sitzt Martin Gayford, Londoner Kunstkritiker, Buchautor und Freund von Lucian Freud, dem britischen Maler Modell. Der Kritiker führt Tagebuch: über jede Sitzung, über die Gespräche mit dem Meister, über seine Gefühle, während jeder Zoll seines Gesichtes gemustert, beobachtet und auf die Leinwand transponiert wird, und er hält die Konzentration und Spannung ebenso fest wie die manchmal quälende Langsamkeit oder gar Langeweile, mit welcher das Bild millimeterweise entsteht. Mehr Inhalt

Freud äußert sich mit Witz über Künstlerkollegen, die er gekannt hat, darunter Picasso, Max Ernst, Giacometti und Francis Bacon. Er gibt dabei Ansichten zum Besten, die häufig ungewöhnlich, immer aber interessant und erhellend sind (Ansichten, die einem Kunstkritiker oder Kunsthistoriker nicht im Traum einfallen würden …). Der Maler äußert sich über die Kunst im Allgemeinen, über seine eigene Arbeit im Besonderen, und er spricht, immer mit Hochachtung, von den alten Meistern, seinen Lieblingsmalern.
Lucian Freud wurde 1922 in Berlin geboren und verstarb vor kurzem in London. Der Enkelsohn von Sigmund Freud musste 1933 mit seiner Familie nach London flüchten. Er gilt weltweit als einer der großen Maler unserer Zeit (und hat etwa die britische Königin, die Entourage von Mick Jagger, aber auch Ganoven und Freunde aus der Londoner Unterwelt portraitiert). Der Prozess, in den er den ihm geduldig Modell Sitzenden hineinzieht, hat etwas Meditatives, ist wie eine lange (monatelange) zen-buddhistische Übung und Strecke, welche die beiden in Stille und Konzentration, nur manchmal durch kurze Gespräche unterbrochen, zurücklegen. Am Ende ist ein gelungenes Bild da. Das Buch ist damit auch ein anschauliches Dokument dessen, wie Kunst funktioniert, wie Malerei konkret eintsteht, Strich für Strich, Augen-Blick für Augen-Blick, wie ein Bild Schritt für Schritt, aus tausend Farbtupfern und tausend Kontrollgängen des Künstlers dazwischen, Gestalt annimmt.
 
Kurzkritik: Vor Kurzem war eine Lucian-Freud-Ausstellung in Wien, die ich leider versäumt habe. Auf den Plakaten war ein Aktgemälde zu sehen, und viele störten sich am angeblich zweiten Penis des Mannes. Nicht nur diese sollten dieses Buch lesen. Auch wenn gewiss nicht alle MalerInnen so langsam arbeiten wie Freud, so bekommt man einen Eindruck davon, was alles hinter einem einzelnen Pinselstrich liegen kann (und dass es Freud bestimmt nicht darauf ankommt, uns mit einem zweiten Penis zu verwirren oder mit realistischer Malerei zu schockieren). Darüber hinaus erfährt man auch, was es bedeuten kann, Modell zu sitzen. Dass in diesem Fall das Modell ein ausgewiesener und kenntnisreicher Kulturjournalist gewesen ist, ist eine weitere Bereicherung.

Hier klicken für Werners Lesenotizen


18. Jänner 2014: Das typische Motiv aller Porträtmodelle: eine Bestätigung meiner eigenen Existenz.



18. Jänner: Die Erfahrung des Modellsitzens liegt irgendwo zwischen transzendentaler Meditation und einem Friseurbesuch.



18. Jänner: ‪Lucian Freud‬: „In gewisser Weise möchte ich nicht, dass das Bild von mir kommt, sondern dass es von ihnen (d.i. den Modellen) kommt.“



18. Jänner: Es ist diese bewegliche Topographie des Gesichts, das ein Porträt zum Bild eines Menschen macht und nicht zum Bild einer Wachsfigur.



18. Jänner: „Wenn dieses Gemälde fertig ist, werde ich im Besitz eines mentalen Porträts von ‪Lucian Freud‬ sein.“



18. Jänner: Ein Gemälde von N.N. ist bereits seit über einem Jahr in Arbeit. Es bleibt abzuwarten, ob das Bild von mir ein schneller Freud oder ein langsamer Freud wird, oder – ein deprimierender Gedanke – ein Freud, der mitten auf dem Weg aufgegeben wird.



18. Jänner: „Als Modell bin ich zu einem Geheimnis geworden, zu einem Rätsel, das gelöst werden soll.“



18. Jänner: Picasso auf die Frage nach dem Bild, an dem er gerade malt: “Bitte nicht mit dem Fahrer sprechen.”



19. Jänner: ‪Lucian Freud‬ war zur Zeit von “Mann mit blauem Schal” 81 Jahre alt und arbeitete etwa 10h täglich – im Stehen.



21. Jänner: Fotografie liefert ‪Lucian Freud‬ als Maler viel Informationen über den Lichteinfall, “aber das ist auch schon alles”.



21. Jänner: ‪Lucian Freud‬: „Das Modell ist dafür da, dem Porträt zu helfen.“



21. Jänner: ‪Lucian Freud‬: „Ich möchte, dass meine Porträts die Menschen zeigen statt ihnen zu ähneln.“



24. Jänner: ‪Lucian Freud‬ schaut sich in Museen und Galerien um und überlegt, wie man bestimmte Sachen korrigieren oder verbessern könnte.



24. Jänner: Gayford: „Wenn ‪Lucian Freud‬ beschließt, meine Ohrhaare zu malen, werden sie bis in alle Ewigkeit zu sehen sein.“



31. Jänner: „Am Ende der Sitzung sagte ich: ,Jetzt kann ich mir das fertige Bild vorstellen.‘ ‪Lucian Freud‬ erwiderte: ,Wirklich? Ich nicht.’”


31. Jänner: „‪Lucian Freud‬ versucht immer, seine eigenen Gefühle zumindest bewusst aus einem Bild herauszuhalten.“


31. Jänner: „Seit das Bild (Gayfords Porträt) begann, ist schon ein halbes Jahr vergangen.“ 


6. Februar: Frage an ‪Lucian Freud‬: Worüber denken Sie gerade nach? Antwort: über Ihr Ohr.


6. Februar: „Fast so, wie die Modelle von ‪Lucian Freud‬ am Ende oft mit Erstaunen feststellen: ,das bin ja wirklich ich!’”


 

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