09/09/2013von 436 Views – 0 Kommentare

Kincaid, Jamaica: Damals, jetzt und überhaupt

Roman
Hardcover
215 Seiten
Erschienen 2013 bei Unionsverlag
Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich
Originalausgabe: „See Now Then”, 2013

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Inhalt:

Die Sweets, Mutter, Vater, zwei Kinder leben in einem Städtchen in Neuengland, wo auf den ersten Blick alles beschaulich erscheint. Mrs Sweet kam einst von einer Karibikinsel „auf einem Bananendampfer ins Land“. Mr Sweet, ein wenig erfolgreicher Komponist, wuchs in New York in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Diese Unterschiede entwickeln Sprengkraft, und die Zeit macht die Gefühle brüchig. (Pressetext)

Kurzkritik:

Dieser Roman schildert in meinen Augen weniger eine bestimmte Familie als eine typische oder klischeehafte, in welche die LeserInnen ihre eigenen Erfahrungen hineininterpretieren können. Wenn man diese in sich kreisende Erzählung mag und/oder sich auf sie einlässt.

Werner gibt  ★★★¾☆  (3,75 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Warum haben die überhaupt geheiratet?

Dieser Roman schildert in meinen Augen weniger eine bestimmte Familie als eine typische oder klischeehafte, in welche die LeserInnen ihre eigenen Erfahrungen hineininterpretieren können. Wenn man diese in sich kreisende Erzählung mag und/oder sich auf sie einlässt.

Jamaica Kincaids Sprache kreist und mäandert um einige Kernaussagen herum. Es geht um eine Familie in den USA. Mr Sweet ist ein erfolgloser Komponist, der seine Enttäuschung und seine Wut zum kleinen Teil – gegen seine Familie gerichtet – tatsächlich auslebt, zum größeren Teil in seiner Fantasie. Da sieht er schon mal den abgetrennten Kopf seiner Frau auf der Arbeitsplatte liegen, da träumt er davon, seinen Sohn zu töten.

Dad, möchtest du kegeln gehen, sagte Heracles zu Mr Sweet, und Mr Sweet sagte, ja, dich aus dem Dasein kegeln.

Man fragt sich, warum er seine Frau überhaupt geheiratet hat, der er vorwirft, dass sie ist, wie sie ist, und auch, dass sie von einer Karibikinsel stammt. Sie selbst bekommt davon anscheinend nichts mit, kümmert sich um Kinder, Haushalt und Garten in einem neuenglischen Dorf (in dem er, aus New York stammend, gar nicht wohnen will).

Die Männer werden bevorzugt

Man mag sich wundern, warum sich die beiden überhaupt geheiratet haben, dass sie es mit diesem Ekel aushält, und warum sie überrascht ist, dass er sie verlassen will. Obwohl Kincaid ausschweifend erzählt, erfährt man nicht viel über die Figuren. Sie wirken grob skizziert oder eher archetypisch mit ein paar individuellen Besonderheiten, ein bisschen wie Karikaturen. Vorrangig wird Mr Sweet in seinem Wüten beschrieben, Mrs Sweet geht in ihrer Angepasstheit dagegen eher unter. Die beiden Kinder erlebt man fast ausschließlich in der Projektion ihrer Eltern, wobei auch hier dem Jungen mehr Raum gewidmet wird. Das Mädchen Persephone ist beinahe völlig in den Hintergrund gedrängt.

Obwohl die Autorin von Antigua stammt und Mrs Sweet ebenfalls von einer Karibikinsel, ist die gemischtrassige Ehe kaum ein Thema in „Damals, jetzt und überhaupt“ (er wirft ihr im Geheimen vor, „auf einem Bananendampfer ins Land“ gekommen zu sein). Auch ob die Kinder in Neuengland unter ihrer Hautfarbe zu leiden haben, wird nicht thematisiert.

Der wahre Erbe dieser Haltung

Und so schildert dieser Roman in meinen Augen weniger eine bestimmte Familie als eine typische oder klischeehafte, in welche die LeserInnen ihre eigenen Erfahrungen hineininterpretieren können. Wenn man diese in sich kreisende Erzählung mag und/oder sich auf sie einlässt:

Und schon ein kurzer Blick auf sie in dieser Haltung, wie sie demütig dasitzt, als säße sie in der Herrnhuter-Schule in Points, ein Exemplar von Nelsons Westindischem Lesebuch vor sich, an dem Schreibtisch, den Donald für sie angefertigt hatte, die Hände auf einem Stapel Schreibpapier, war Mr Sweet Anlass zu einem verzweifelten Seufzer, denn in Wahrheit wusste jeder, jedermann auf der ganzen Welt, dass er der wahre Erbe dieser Haltung war, an einem Schreibtisch zu sitzen und über einem Berg leerer Schreibbögen zu brüten, und vor Wut schäumend ging er hinauf in sein Studio, das über der Garage des Shirley-Jackson.Hauses lag, und setzte sich an sein Klavier, und dieses Klavier war nicht von Donald angefertigt, der die Schreinerei als Hobby betrieb, und in diesem Geist, dem Geist der Liebe, und unabhängig von weltlichem Wert, war es dazu gekommen, dass er für Mrs Sweet diesen Schreibtisch angefertigt hatte; Mr Sweets Klavier war von Steinway gefertigt worden.

Von Werner Schuster

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Infos:

Jamaica Kincaid wurde 1949 auf der Karibikinsel Antigua geboren. Mit sechzehn Jahren wanderte sie in die USA aus, wo sie zunächst als Au-pair-Mädchen arbeitete. Kincaid hat mehrere Prosabände und Romane veröffentlicht, darunter Die Autobiografie meiner Mutter und Lucy. Ihre Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sie unterrichtet Literatur am kalifornischen Claremont McKenna College und an der Harvard University.

Mehr über Jamaica Kincaid bei Wikipedia.

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