17/02/2013von 718 Views – 2 Kommentare

Geschenkt ist zu billig

graf

Laden Sie sich keine kostenlosen Klassiker herunter. Um ein paar Euro bekommen Sie das, was die Autoren wirklich geschrieben haben. Allerdings nicht bei allen Verlagen.



Wer bei Amazon in den Büchern stöbert, wird vielleicht die kostenlosen Klassiker entdecken. Wer aber diese Klassiker wirklich lesen will (oder etwa für die Schule braucht), sollte von diesen E-Books die Hände lassen. Denn oft sind es gekürzte und teilweise sogar Ausgaben für die Jugend.

Ein Beispiel von vielen: Der „Graf von Monte Christo“ ist bei Kindle ca. 200 Seiten lang, die vollständige dtv-Ausgabe hat über 1.500 Seiten. Nun muss man die Originalversion nicht lesen wollen, aber man sollte zumindest wissen, womit man es zu tun hat. Das hat man bei Amazon aber nicht.

Brutal

Das regt auch die Kunden auf. „Bücherwurm“ schreibt etwa, „die große Anzahl an kostenlosen Klassikern war ein Großteil der Kaufentscheidung für mein Kindle. Allerdings ist diese Ausgabe so brutal zusammengekürzt, dass sogar das Verständnis der Handlung und der Zusammenhänge stark leidet. Schade um meine Zeit.“

Nun gut, es gibt ja auch noch das Projekt Gutenberg-DE. Dort findet man dieselbe (!) Ausgabe wie bei Amazon, allerdings mit dem Hinweis „stark verkürzte Fassung“. Dass „Der Graf von Monte Christo“ auch in sechs Bänden zur Verfügung steht, macht die Sache leider nicht besser: Es handelt sich um eine zweifelhafte Ausgabe, eine um 1900 erschienene Bearbeitung von Max Pannwitz, die eingescannt worden ist.

Günstig

Das Problematische an dieser Vorgehensweise erklärt Ulla Chwalisz, Leiterin Digital Publishing bei Fischerverlage: „Dass die Qualität hierbei leiden kann, liegt daran, dass ein günstiger Scann-Vorgang Ungenauigkeiten bei der Erkennung von Buchstaben und Worten toleriert. Diese Massenarbeiten werden häufig ins nicht-europäische Ausland vergeben – Kontrollen können somit nur auf einer technischen Ebene geleistet werden, z.B. ob alle Seiten in aufsteigender Reihenfolge vorhanden sind. Wenn es sich noch dazu um Ausgaben handelt, bei denen das Papier oder der Druck schon beschädigt sind, kann es passieren, dass Textteile überlesen werden.“

Niemant vermitet Schne

Nun gibt es bei Projekt Gutenberg-DE freiwillige Helfer, die ein oberflächliches „Lektorat“ besorgen (d.h. grobe Scann-Fehler ausbessern), eine Nachkorrektur macht das Gutenberg-Team. Wie Bücher aus abfotografierten Vorlagen sonst aussehen könnten, hat vor eineinhalb Jahren die österreichische Aktionsgruppe „The BirdBase“ gezeigt. Diese hatte eine eingescannte Version von Kafkas „Schloss“ als Buch herausgegeben, das nur so von Rechtschreibfehlern strotzte: Da wurde der „Schnee“ zum „Schne“, „niemand“ zu „niemant“ und das Wort „vermieten“ zu „vermiten“ – alles Fehler allein auf der ersten Seite.

Gerade bei Kafka sind alte Ausgaben „gefährlich“. Dessen Freund Max Brod hätte Kafkas Werke eigentlich vernichten sollen, hat sich über den Willen des Verstorbenen aber hinweggesetzt und die Texte somit für die Nachwelt gerettet. Allerdings hat er einiges in diesen Texten – seiner Meinung nach – „verbessert“, sprich: Er hat Korrekturen vorgenommen.

Kritisch

Die Brod-Ausgaben sind mittlerweile textkritisch überholt. Eine stattliche Anzahl von Wissenschaftlern hat diese mit den Originaltexten verglichen und ab 1982 eine eine kritische, ab 1995 auch eine historisch-kritische Ausgabe erstellt. {„Historisch“ bedeutet hier, dass sämtliche überlieferten Textträger (Manuskripte, Typoskripte, Drucke) gesichtet werden. „Kritisch“ bezieht sich darauf, dass diese Textträger eben kritisch untersucht und bewertet werden.}

Anders gesagt: Was es seit 1982 von Kafka (bei manchen Verlagen) zu kaufen gibt, hat dieser auch so geschrieben – in den Leseausgaben (also Textausgaben ohne textkritischen Apparat oder Anmerkungen). „Der Prozeß“ bei Projekt Gutenberg-DE ist aus dem Jahre 1962, bei Kindle wissen wir es nicht.

Aufwändig

Nun wird jede/r leicht einsehen können, dass sorgfältig editierte Ausgaben sehr personal- und kostenaufwändig sind. Den „echten“ „Prozeß“ bekommt man dennoch schon um fünf bis acht Euro, den „Graf von Monte Christo“ in der vollständigen Ausgabe um etwa 15 Euro.

Das ist wohl nicht zu viel verlangt, denn, so Maria Schedl-Jokl (Leitung Klassik Lektorat dtv), „eine seriöse Edition bzw. Neuübersetzungen verursachen Kosten, die oft in die Zehntausende gehen. Einige wenige Verlage versuchen seit Jahrzehnten, ausschließlich qualitative Texte zu verlegen und dies dem Handel wie dem Leser kund zu tun. Wenn fragwürdige Ausgaben, oft in Pappe gebunden, mit Dumpingpreisen in den Handel kommen, dann haben sorgfältig edierte Ausgaben, ob gebunden oder im Taschenbuch, natürlich das Nachsehen.“

Bedrohlich

Für Schedl-Jokl erreicht diese Entwicklung „mit dem Internet-Handel und dem E-Book freilich eine bedrohliche Dimension, weil Qualität zum absoluten Schnäppchen-Preis suggeriert wird. Bedrohlich erscheint diese Entwicklung auch deshalb, da sie möglicherweise im Printbereich Überlegungen verstärkt, die Kosten für aufwändige Ausgaben künftig einzusparen, um konkurrenzfähig zu bleiben.“

Die Konsequenzen müssen ja nicht gleich so aussehen wie das BirdBase-„Schloß“, es wäre schlimm genug, wenn günstig nur mehr Klassiker-Ausgaben à la Kindle (kostenlos oder billig) und Projekt Gutenberg-DE erhältlich wären. Ob gedruckt, online oder als E-Book, wäre dann wohl auch schon egal.

Werner Schuster

Weiterführende Links:
dtv Klassik und dtv Bibliothek der Erstausgaben
Fischer Klassik, Fischer Werkausgaben und www.franzkafka.de

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2 Kommentare zu "Geschenkt ist zu billig"

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  1. Carl-Ulrich Griebe sagt:

    Bücher kaufe ich entweder neu, wenn lieferbar, als Taschenbücher bei Verlagen wie dtv, Insel, Aufbau, oder antiquarisch NUR bei ZVAB. Neuerscheinungen sind nur selten Objekt meiner Begierde, ein gebrauchter, gut erhaltener Band mit Tschechow-Erzählungen interessieren mich z.B. wesentlich mehr als die neue Veröffentlichung des aktuellen Bestseller-Autors.
    Lesen am Bildschirm beschränkt sich auf Pressemeldungen und, natürlich, auf die (leider nur noch) 14tägige Kolumne des Herrn Schuster.

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