18/11/2012von 671 Views – 1 Kommentar

„Die Anstiftung“ von Anke Laufer

Folgenden Text hat die Autorin exklusiv für die Eselsohren geschrieben:


„A kiss may ruin a human life“
Oscar Wilde

Hör mir gut zu. Das hier ist wichtig. Du weißt, ich habe mir bei der Arbeit noch nie Grenzüberschreitungen erlaubt. Engagement ja, Übereifer vielleicht, mehr sicher nicht. Aber diesmal habe ich mich in eine Story hineinziehen lassen ohne die geringste Chance, etwas daran wieder gut zu machen. Ich hab‘s vermasselt.

Wenn du einem anderen den Auftrag gegeben hättest, wäre die Sache vielleicht glimpflicher verlaufen. Aber du hast mich ausgesucht, hast mich in dein Büro gerufen, um mir zu sagen, dass Gabor Wurlitzer nach über zwanzig Jahren bereit sei, sein Schweigen zu brechen. Dass es sich um ein für das Magazin ausgesprochen kostspieliges Exklusivinterview handle und dass ich deshalb alles aus ihm herausholen müsse, sämtliche Hintergründe und wie es zugegangen sei, damals, als er die vier alten Frauen tötete, in Müllsäcke steckte und im Hinterhof seines Hauses verscharrte. Die Story versprach genau die Details, auf die unsere Leser scharf sind. Wir wollten sogar eine ganze Serie daraus machen.

Weißt du, ich war verdammt stolz auf dein Vertrauen. Aber als ich Gabor dann im Besuchsraum des Hochsicherheitstraktes gegenüber saß, beschlichen mich Zweifel. Er sah weder gefährlich aus, noch besaß er etwas von dieser heimtückischen Durchschnittlichkeit, die man Schwerverbrechern zuschreibt. Ich wusste sofort, er würde sich auf den Fotos nicht düster genug machen, der Kerl wirkte einfach zu sympathisch, fast treuherzig. Während er über seine Taten redete machte er einen ziemlich zerknirschten Eindruck. Ich glaube nicht, dass er mir etwas vormachte. Zuweilen lachte er über seine Dummheit, wie er es nannte. Und weißt du was? Ich war mehr als einmal versucht mitzulachen.

Wirklich interessant wurde die Geschichte erst, als er mir eröffnete, eine Frau habe ihn dazu gebracht, die Morde zu begehen. Während des Prozesses war das nicht zur Sprache gekommen, da war ich mir sicher.
„Wieso reden Sie jetzt darüber?“
„Sie hat mir geschrieben und mich darum gebeten.“
Was meinst du, hätten da bei mir die Alarmglocken schrillen müssen? Keine Ahnung.
„Sie stehen also noch in Kontakt mit ihr?“
„Es war ihr erster Brief nach zwanzig Jahren.“

Er behauptete, er habe die Frau seinerzeit auf einem Rummelplatz kennen gelernt. Sie verkaufte dort Eintrittskarten für das Spiegelkabinett.
„Ich lud sie ein. Sie küsste mich im Dunkeln, auf der Fahrt durch die Geisterbahn. Es traf mich wie ein Blitz, verstehen Sie, ich war völlig durcheinander. Von einem Moment auf den anderen war ich wie besessen von ihr. Es war reine Magie.“
„Magie. Ich verstehe“, sagte ich, aber natürlich verstand ich gar nichts und hatte auch nicht vor, mich auf solchen Unsinn einzulassen. Du kennst mein Motto: Sensationsgier ist in Ordnung, Hokuspokus und Gefühlsduselei dagegen nur in gezielter Dosierung.

Er schwieg eine ganze Weile. Als er endlich wieder anfing zu sprechen, hatte sich etwas in seine Stimme geschlichen, was mir nicht behagte.
„Eines Tages, es wird wohl zwei oder drei Monate später gewesen sein, da fragte sie mich: Was würdest du tun, um mir zu beweisen, dass du mich liebst? – Ich würde alles für dich tun, sagte ich. – Würdest du das? fragte sie. – Ja, das würde ich, antwortete ich. – Na dann, sagte sie. – So einfach war das.“
„Und?“
„Sie zeigte mir diese alte Frau. Irgendeine alte Frau, die vorbeiging. Ich sah, wie sie einen Fuß vor den anderen setzte, während ihr die schweren Einkaufstüten gegen die Beine schlugen. Sie sagte: Fang mit der da drüben an.“
„Sie traf also die Wahl?“
Er nickte.
„Ich fragte sie nicht einmal nach dem Grund. Ich befürchtete, dass sie an mir zweifeln würde, wenn ich es täte.“

Ich dachte: Der Kerl hat entweder eine Schraube locker oder ist besonders durchtrieben. Ich entschied mich für Letzteres.
„Wissen Sie, was ich glaube? In Wahrheit haben Sie jemanden erfunden, dem sie die Sache in die Schuhe schieben können. Möglicherweise glauben Sie ja inzwischen selbst an ihre Geschichte. Aber ich werde unseren Lesern auf keinen Fall dieses Phantom auftischen.“
„Sie ist alles andere als ein Phantom.“

Ich warf einen Blick auf den Wachmann und beugte mich näher zu Wurlitzer hin. „Dann sagen Sie mir, wo sie ist.“ Wenn die Frau tatsächlich existierte, war ich nur einen Fingerbreit von der Sensation entfernt.
„Ja, wenn Sie ihr begegnen würden, könnten Sie möglicherweise herausfinden, wie es so weit kommen konnte.“ Er sprach jetzt schleppend, als falle es ihm schwer, mehr zu sagen als unbedingt nötig. „Das heißt, wenn Sie wirklich so viel Wert darauf legen.“
„Das tue ich“, entgegnete ich und lehnte mich zurück. „Aber verraten Sie mir noch eins: Warum haben Sie den Ermittlern damals keinen Hinweis auf diese Frau gegeben?“
„Ich wollte sie schützen.“
„Also was den Schutz unserer Informanten angeht sind wir überaus –“
„Sie verstehen mich falsch.“
„Inwiefern?“
„Es ist nicht sie, die Schutz nötig hat, sondern diejenigen, die ihr nachstellen.“

Die Adresse, die er mir genannt hatte, lag in einer Neubausiedlung. Es war ein schäbiger Bungalow mit einem fast vollständig asphaltierten Vorgarten. Als die Tür sich öffnete, sah ich die Frau im Halbdunkel des Korridors stehen. Noch während ich mich ihr vorstellte, wandte sie sich wortlos um und ging vor mir her, den schmalen Gang hinunter. Mir fiel sofort auf, wie lautlos sie sich bewegte. Sie öffnete die Tür zu einem der rückwärtigen Zimmer, wo ein Panoramafenster auf ein sehr sonniges, doch vollkommen verwildertes Grundstück hinausging. Rostige Gartengeräte lehnten an einem verwitterten Bretterzaun, der das Gelände begrenzte.

Am Fenster standen zwei Korbsessel. Die Frau setzte sich mir gegenüber. Sie hielt sich sehr aufrecht, mit der Anmut einer gealterten Primaballerina. Sie war überhaupt nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ihr Hals war zu lang, ihr strohblondes Haar zu unordentlich, dennoch schien sie im Nachmittagslicht zu leuchten, fast zu schweben. Ich versuchte erst gar nicht, ihr Alter zu schätzen. Sie war bezaubernd.
„Gabor schickt mich.“ Ich bemühte mich krampfhaft, sie nicht anzustarren.
Sie lächelte. „Sie wollen also wissen, wie das war, mit uns.“ Sie schien mein Gesicht zu studieren. „Es gibt allerdings eine Bedingung.“
„Welche?“, fragte ich.
„Sie veröffentlichen das alles erst nach meinem Tod.“

Ich wollte protestieren, aber sie machte eine ungeduldige Handbewegung.
„Keine Sorge. Sie werden sich nicht lange gedulden müssen.“
Während ich in ihren Zügen nach den Anzeichen einer todbringenden Krankheit suchte, breitete sich tiefes Bedauern in mir aus. Doch noch bevor ich mir über die Bedeutung dieser Empfindung klar werden konnte, schickte sie mich fort.
„Gehen Sie jetzt. Kommen Sie in einer Woche wieder, um dieselbe Zeit.“

Das Warten fiel mir schwer. Ich war unkonzentriert, schlief schlecht und hatte ständig ihr Bild vor Augen.

Bei meinem nächsten Besuch schien alles unverändert. Nur in mir selbst schienen sich gewisse Koordinaten verschoben zu haben. Ich ließ sie reden, ohne an den richtigen Stellen nachzuhaken. Ich übte keinen Druck aus. Es kam mir vor, als erzähle sie irgendeine erfundene Geschichte, obwohl sie sehr genau beschrieb, wie sie die Opfer bestimmt und Gabor den jeweiligen Tötungsauftrag ausgeführt hatte. Erst als sie den Tod des letzten Opfers schilderte, schien mich das zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen.

„Die Alte lebte noch, als er sie begrub. Leider hatte er es an der nötigen Sorgfalt fehlen lassen. Sie entwickelte eine erstaunliche Kraft, so dass sie es schaffte, sich wie ein in Plastikfolie verschnürter Wurm halb aus der Erde zu winden, bevor sie endlich erstickte. Ein schlafloser Nachbar entdeckte das Bündel in der Morgendämmerung, als er aus seinem Badezimmerfenster sah. Es war Zufall. Reines Pech.“

Nicht das Bild an sich erschreckte mich. Da hatte es schon Schlimmeres gegeben. Es war die heitere Gleichgültigkeit, mit der sie davon erzählte. Während ich mich zusammenzureißen versuchte, warf ich einen gedankenverlorenen Blick aus dem Fenster, ganz so, wie es der Nachbar wohl in jener Nacht getan hatte. Mein Blick fiel auf eine Ecke des verwilderten Gartens, wo sich offenbar jemand zu schaffen gemacht hatte. Hacke und Spaten lagen quer auf einem Erdhügel, der die Sicht auf den Bretterzaun versperrte. Sie hatte wahrscheinlich in meinem Gesicht gelesen, denn sie lachte laut heraus.
„Keine Sorge. Ich lege bloß ein Beet an. Für Geranien. Ich liebe Geranien, wissen Sie.“

Zu unserem dritten Treffen brachte ich also Blumen mit. Es war eine besondere Geraniensorte mit großen weißen Blüten. Als sie die Pflanze entgegennahm, berührten sich unsere Hände flüchtig. Ich schwöre, dass ich dabei so etwas wie einen Stromschlag spürte. Ich weiß, du wirst darüber lachen, aber ich dachte sofort an Gabor und daran, wie er die Wirkung dieser Frau beschrieben hatte.

An diesem Tag fand ich endlich den Mut, ihr die entscheidende Frage zu stellen.

Sie schien verwundert.
„Was wollen Sie hören? Dass ich als Kind von einer alten Hexe gefoltert worden bin? Ich habe Sie eigentlich für einen echten Zyniker gehalten. Alte Weiber sind ekelhaft, aber zählebig, da werden Sie mir nicht widersprechen. Je mehr man beseitigt, desto besser.“

Es gab kein Motiv, verstehst du? Jedenfalls keine Rechtfertigung, wie ich sie mir erhofft hatte, etwas, das sie ein wenig menschlicher gemacht hätte.
„Jeder wird alt. Keiner kann etwas dafür“, hörte ich mich sagen.
„Reden Sie nicht so daher. Natürlich kann man etwas dafür. Man hat es in der Hand.“

Sie stand auf, kam zu mir und beugte sich zu mir herab. Ich wehrte mich nicht, als sie mich küsste. Das Herz schlug mir heftig gegen die Rippen dabei, ein in Panik geratener Käfigvogel.

Wenig später führte sie mich in den Garten. Ich ließ es geschehen. Wo das Geranienbeet hatte sein sollen, war noch immer ein unordentlicher Haufen Erde.
Dahinter befand sich die Grube.
„Sehen Sie, ich lasse es nicht so weit kommen. Es ist Zeit. Bringen Sie es zu Ende.“

© Anke Laufer


Über die Autorin

Porträt Anke Laufer

Anke Laufer – © Elodie Cruz

Anke Laufer, geboren 1965 in Villingen. Sie studierte Ethnologie und Politikwissenschaften in Freiburg im Breisgau. Mehreren Langzeit-Feldforschungen in Lima, Peru, folgten die Promotion im Jahr 2000 und verschiedene Jobs als freie Redakteurin und Projektkoordinatorin im Verlagswesen und Multi-Media Publishing. Erste literarische Veröffentlichungen ab 2006. Für ihre Texte erhielt sie Stipendien und mehrere Auszeichnungen, darunter den Schwäbischen Literaturpreis 2007, den Deutschen Kurzkrimipreis 2009 und den Würth-Literaturpreis 2011. Im selben Jahr war sie im Rahmen des Literaturaustauschs zwischen Stuttgart und Bogotá Stadtschreiberin der kolumbianischen Hauptstadt. Sie ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller, beim literarischen Forum Oberschwaben und in der Autorinnenvereinigung Dreiländereck. Die Autorin lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Tübingen, Deutschland.

Veröffentlichungen u.a. Die Irritation. 21 Stories. worthandel : verlag, Dresden, 2012.
Zur Eselsohren-Besprechung „Auf sehr dünnem Eis“

Mehr über die Autorin bei www.ankelaufer.com

Mehr bei den Eselsohren

 
Druckversion Druckversion  
 

Ähnliche Artikel

1 Kommentar zu "„Die Anstiftung“ von Anke Laufer"

Trackback | Kommentar RSS Feed

Inbound Links

  1. Die Anstiftung « anke laufer | 19/11/2012

Schreiben Sie doch einen Kommentar

You must be logged in to post a comment.