27/01/2011von 1.591 Views – 5 Kommentare

Antunes, António Lobo: Mein Name ist Legion

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Buchcover Antunes Legion

  • Hardcover
  • Erschienen 2010 bei Luchterhand
  • Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann
  • Originalausgabe: „O meu nome é Legiao”, 2007


Inhalt:

In einem Elendsviertel von Lissabon treffen sie aufeinander: eine Jugendgang, die hauptsächlich aus Schwarzen, Farbigen und Osteuropäern besteht, die Polizei, die der kriminellen Jugendlichen nicht mehr Herr wird, die Bewohner des Slums. In seinem neuen Roman fängt Lobo Antunes die sozialen Verwerfungen einer globalisierten Moderne ein und verleiht den Menschen am Rande der Gesellschaft starke, unverwechselbare Stimmen. (Pressetext)

Kurzkritik:

Nichts hatte mich auf das doch eher Experimentelle von ,Mein Name ist Legion‘ vorbereitet. Ich glaube allerdings nicht, dass ich mit dem Roman anderenfalls mehr hätte anfangen können.

Werner gibt  ★★★☆☆  (3 von 5 Eselsohren)

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Besprechung:

Gehirnsausen

Vier Anläufe habe ich gebraucht, um dieses Buch dann doch zu lesen. Lobo Antunes macht es einem mit „Mein Name ist Legion“ wahrlich nicht leicht.

Die ersten Seiten „gehen ja noch“. Und der erste Absatz geht so:

Die Verdächtigen, 8 (acht) an der Zahl und im Alter zwischen 12 (zwölf) und 19 (neunzehn) Jahren, verließen um 22.00 (zweiundzwanzig Uhr und null Minuten) den im Nordosten der Hauptstadt liegenden und leider wegen seiner heruntergekommenen Bausubstanz und den damit verbundenen sozialen Problemen bekannten Stadtteil Bairro 1° de Maia in Richtung Amadorra, wo sie angenommenermaßen gegen 22.30 (zweiundzwanzig Uhr und dreißig Minuten), was allerdings noch der Bestätigung durch die Verhöre, sei es der Verdächtigen, sei es möglicher, bislang noch nicht festgestellter Zeugen bedarf, mit einer Hauptschlüssel genannten Methode

Die Verdächtigen stehlen zwei Mittelklassewagen, überfallen eine Tankstelle, erschießen dabei einen Angestellten, plündern anschließend einen Handyladen und überfallen dann ein Pärchen in einem Auto, vergewaltigen die Frau und verprügeln den Mann.

Zerfahren

Auf 23 Seiten werden diese Taten von einem Polizisten nur kurz beschrieben, während sich in den Bericht immer mehr seine Anmerkungen und Erinnerungen schleichen. Dieser Bericht wird zunehmend zerfahrener, es mischen sich auch die Stimmen von BewohnerInnen des Elendsviertels sowie der Verdächtigen selbst darunter.

Lobo Antunes‘ Text ist zwar in Absätze gegliedert, diese haben jedoch (außer, wenn ein Kapitel beendet wird) keine Punkte. Damit wird wohl auch formal auf den unablässigen Gedankenstrom hingewiesen, mit dem man es zu tun hat.

Das liest sich zum Beispiel folgendermaßen:

Senhora
das gelbe Hündchen, das fehlt mir, glaube ich
(das braune, das vom Ofen, es schüttelte einmal den Schwanz, um zu sagen
Ich bin hier
und man spürte die Freundschaft, das Bemühen, es schaute den Veterinär an und war nicht böse auf ihn , es schaute uns an, und dann ja, das, was mir Schrecken einjagt, das, was ich nicht akzeptiere, das Entsetzen)
die Gartenpforte, die man mit einem Haken schloss, der in einen Nagel griff, und das ist alles, ein Hündchen und eine Gartenporte reichen, und um diese Zeit meine Kolleginnen am Platz
Die Alte?
nein, um diese Zeit meine Kolleginnen am Platz
Was für eine Alte?
genauso wie ich die Rotblonde vergessen habe, die sich in Zimmer elf erhängt hat, sie hat fröhlich die Rechnung bezahlt und erklärt
Der Kunde möchte nicht mit mir zusammen gesehen werden

Es verhält sich nun nicht so, dass ich solche Gedankenstrom-Literatur nicht mag, ich möchte nur etwas damit anfangen können. Und das habe ich bei diesem Buch nicht. Der Text hat in mir eine Art Gehirnsausen hervorgerufen und ich habe verzweifelt versucht mitzubekommen, wovon hier konkret die Rede ist.

Hilflos

Auch der Klappentext hat mir nicht geholfen: „Kurz vor der Pensionierung verfasst ein Polizist einen Bericht über die kriminellen Taten einer Jugendgang, die in einem heruntergekommenen Viertel am Rande von Lissabon ihr Unwesen treibt. Zugleich erinnert er sich an seine Kindheit in der Provinz, seine gescheiterte Ehe, seine entfernt lebende Tochter.“ – Das taugte nicht als Raster oder als Halteleine für das viele „Unzusammenhängende” (– es hängt schon zusammen, aber auf eine sehr disparate Art und Weise.)

Ratlos

Ich wurde immer ratloser – und auch ärgerlicher. Schließlich hatte der Klappentext versprochen, dass der Roman die sozialen Probleme der Moderne einfängt und zeigt, „was Migration, Entfremdung und der Zusammenprall verschiedener Kulturen für den Einzelnen bedeuten“.

Das habe ich aus „Mein Name ist Legion“ nicht herausgelesen. Und nichts hatte mich auf diese doch eher experimentelle Art von Literatur vorbereitet. Ich glaube allerdings nicht, dass ich mit dem Roman mehr hätte anfangen können, wenn auf dem Umschlag oder dem Klappentext etwa „anspruchsvoll“ stünde.

Von Werner Schuster

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Infos:

António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren. Er studierte Medizin, war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. In seinem Werk, das mittlerweile zwanzig Titel umfasst und in über dreißig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander.

Mehr über António Lobo Antunes bei Wikipedia.

5 Kommentare zu "Antunes, António Lobo: Mein Name ist Legion"

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  1. bruckner sagt:

    hmmm – ich find das schon recht blauäugig, sich auf den klappentext zu verlassen… bei der verfassung dieser textsorte gehz ja schließlich darum, das buch möglichst breit zu vermarkten – also: werbung – und die hatte mit dem beworbenen produkt von jeher nur am rande zu tun. ich für meinen teil, halte antunes’ roman für den höchst gelungen versuch form und inhalt zu versöhnen, also die inhaltliche dimension auch für die formale gestaltung heran zu ziehen. starker text. und ja: anspruchsvoll – aber: das find ich an&für sich ok – so man so was nicht mag, sollte man auch eher einfachere autorInnen lesen. würd dann auch von jelinek abraten oder james joyce…

    • Werner S. sagt:

      das sehe ich nicht so. die meisten klappentexte sind keine werbebotschaften, sondern da wird schon versucht, über inhalt und form auskunft zu geben.
      weiters habe ich kein problem mit anspruchsvollen büchern, allerdings muss ich ein buch doch nicht für toll halten, nur weil es schwierig zu lesen ist.

      • bruckner sagt:

        hmmm – nunja, möglicherweise gibt es ja auch klappentexte, die nicht werben wollen – die mehrheit allerdings soll das – das ist nun mal sinn der sache, siehe auch:
        http://de.wikipedia.org/wiki/Klappentext
        natürlich musst du kein buch für toll halten, weil es schwierig zu lesen ist – allerdings hatte ich bei deiner besprechung den eindruck, dir hat sich das konzept des texts nicht erschlossen – und wenn dem so ist/war, dann ist das gehirnsausen zwar verständlich, allerdings bedeutet es eben auch, dass sich dir die grundlagen so einer schreibe noch nicht erschlossen haben. was natürlich noch gar nix über die qualität des texts aussagt. das wollte ich damit auch nicht zum ausdruck bringen, wollte lediglich drauf hinweisen, dass es hilfreich ist, um sich diesen text zu erschließen, sich mit der form- und inhaltsdimension auseinander zu setzen…

        • Werner S. sagt:

          damit sich auch den anderen die grundlagen erschließen: in seiner eigenen kurzen besprechung schreibt bruckner:
          1) ein sprech-wirr-warr sondergleichen, das jeden auktorialen erzähler sofort in die hölle schickt
          2) so wie sich die handlung keiner stringenten logik mehr unterordnet, keinem herrschaftssystem, so verloren wirken die erzählstimmen, tauchen auf aus dem text, entwickeln ihre eigenen motive, klammern sich daran wie an einen refrain, den sie endlos wiederholen und so den mäandernden erinnerungen strukturen einschreiben…
          siehe http://manfredbruckner.blogspot.com/2011/03/antonio-lobo-antunes-mein-name-ist.html

  2. Francesco sagt:

    Schoener Blog, gefaellt mir sehr gut. Auch schoene Themen.

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