Andreas Franz: Eisige Nähe
Für den Anspruch „Wir dürfen die Augen nicht vor der Realität verschließen“ ist „Eisige Nähe“ inhaltlich zu anspruchslos.
Erschienen 2010 bei Knaur.
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Machtgeil, von Sex besessen, korrupt und superböse
Ich wollte endlich einmal etwas von „Deutschland erfolgreichstem Krimiautor“ lesen und war von „Eisige Nähe“ nicht angetan. Andreas Franz setzt sehr stark auf Dialoge, und diese Dialoge wirken auf mich sehr hölzern und alle wie von einer einzigen Person gesprochen.
„Verraten Sie mir etwas?“
„Wenn ich die Antwort kenne.“
„Warum diese Eile?“
„Ich dachte, diese Antwort hätte ich Ihnen bereits gegeben. Einen schönen Tag noch.“
„Nein. Sie haben mir die Antwort nicht gegeben. (…)“
Die Story fing für mich interessant an, doch nach und nach erschien sie mir immer unglaubwürdiger. Ein Musikproduzent à la Dieter Bohlen wird auf bizarre Weise umgebracht, die üblichen Verdächtigen (Ehefrau, Geschäftspartner etc.) werden vom Kieler Ermittlerpaar Lisa Santos und Sören Henning alsbald nicht mehr verdächtigt, zumal ihre Ermittlungen innerhalb der Polizei gestört werden.
Der Auftragskiller
Man serviert der Öffentlichkeit sogar einen – für Santos und Henning unwahrscheinlichen – Täter, der bei der versuchten Verhaftung leider erschossen wurde. Außer wissen die LeserInnen ja, wer den Musikproduzenten ermordet hat, denn auf den ersten 50 (von knapp 600) Seiten wird dieser nicht nur – als Auftragskiller – vorgestellt, man ist beim Mord auch live dabei und außerdem gibt dieser dem Ermittlerpaar via Telefon Tipps.
Santos und Henning ermitteln bald auf eigene Faust weiter – ohne der Hilfe ihrer KollegInnen, die vom Staatsanwalt und von höher gestellten Polizeibeamten eingeschüchtert werden. Bald erhalten sie – außer vom Auftragskiller – auch Unterstützung von einem hochrangigen Verfassungsschützer. Und schließlich kommen sie einem illegalen Machtapparat innerhalb Exekutive auf die Spur.
Der kleine Moritz
Das kann man nun entweder als kaum zu glaubende Beschreibung empörender Verhältnisse ansehen oder als etwas, wie sich der sprichwörtliche kleine Moritz die große Welt vorstellt. In diesem Fall machtgeil, von Sex besessen, korrupt und superböse.
Jedenfalls ist die Story für mich gut gebaut und nicht so platt wie die Dialoge. Allerdings übertreibt Franz meiner Meinung nach zu viel, als dass er seinen (im Nachwort erläuterten) aufklärerischen Impetus einlösen könnte. Anders gesagt: Für den Anspruch „Wir dürfen die Augen nicht vor der Realität verschließen“ ist „Eisige Nähe“ inhaltlich zu anspruchslos.
Allerdings: Wer Santos und Henning schließlich bei ihrem Kampf gegen Goliath wirklich hilft, ist denn doch sehr überraschend.
Von Werner Schuster
Infos
Über Andreas Franz bei Wikipedia und auf www.andreas-franz.org,
mehr von Knaur bei „Eselsohren“.
„Eisige Nähe“ bei Amazon.




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