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Hughes, Richard: In Bedrängnis

Posted By Werner On 12/11/2012 @ 00:05 In AutorInnen H,Neue Artikel,Rezensionen,Romane & Erzählungen | No Comments

Cover Hughes "Bedrängnis"Roman
Hardcover
260 Seiten
Erschienen 2012 bei Dörlemann
Aus dem Englischen von Michael Walter
Originalausgabe: „In Hazard. A Sea Story”, 1938

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]
Inhalt:

Der Dampfer „Archimedes“ ist ein Frachtschiff in allerbestem Zustand, als er den Hafen von Norfolk, Virginia, verlässt, um an einem wunderschönen sonnigen Herbsttag durch den Panamakanal nach China zu fahren. Seine Ladung besteht aus Tabak und Altpapier. Doch kaum erreicht es die karibischen Inseln, gerät das Schiff durch einen unerhörten Sturm in schwerste Bedrängnis. Während vier Tagen kämpfen Captain Edwardes und seine Mannschaft, vom Ersten Offizier über den Leitenden Ingenieur bis zum chinesischen Maat um die „Archimedes“ und um ihr Leben. (Pressetext)

Kurzkritik:

Sicher könnte man Hughes‘ „In Bedrängnis“ verfilmen, aber daraus würde wohl ein Abenteuer-Action-Spektatkel, und das würde dem Buch nicht gerecht werden. Denn mit seiner sachlichen Prosa reizt Hughes zum einen die Fantasie der Lesenden, sich die unglaublichen Geschehnisse auf einem Frachtschiff auszumalen, das in einen übermächtigen Hurrikan gerät. Zum anderen beschreibt er die „biblischen“ Prüfungen der Mannschaft zwar mit knappen Angaben, doch man kann sich diese besser vorstellen als in vielen weit ausgebreiteten psychologischen Porträts.

Danach sind auch wir erschöpft. Wir waren unweigerlich mitleidende Zeugen bei diesem Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. Vielleicht sinken wir in einen ruhelosen Schlaf (wie die meisten aus der Mannschaft). Vielleicht liegen wir mit offenen Augen da, und das Kino im Kopf lässt sich einfach nicht abstellen.

Besprechung:

Das wahre Kino ist im Kopf

Letzte Woche hatten wir den Fall, dass ein Buch großes Kino sein kann (siehe „Im Zeichen des Zorro“ [5]). Heute geht es um einen Roman, an den Kino nicht herankommt.

Sicher könnte man Hughes‘ „In Bedrängnis“ verfilmen, aber daraus würde wohl ein gewöhnliches Abenteuer-Action-Spektatkel, und das würde dem Buch nicht gerecht werden. Denn mit seiner sachlichen Prosa reizt Hughes zum einen die Fantasie der Lesenden, sich die unglaublichen Geschehnisse auf einem Frachtschiff auszumalen, das in einen übermächtigen Hurrikan gerät. Zum anderen beschreibt er die „biblischen“ Prüfungen der Mannschaft zwar mit knappen Angaben, doch man kann sich diese Menschen besser vorstellen als in vielen weit ausgebreiteten psychologischen Porträts.

Eine Belastung von einhundert Tonnen

Man traf die allergrößten Vorsichtsmaßnahmen. Nehmen wir zum Beispiel die Schornsteinstage der „Archimedes“ (des Schiffes; Anm.) Sie war ausgelegt, einer Belastung von einhundert Tonnen standzuhalten! Aber wie konnte es jemals zu einer Belastung von einhundert Tonnen für die Schornsteinstage kommen? …

Nun, es ist dazu gekommen, (in diesem Roman) im Jahre 1929. Die „Archimedes“ war unterwegs von der Atlantikküste in Richtung Ferner Osten. Hughes beschreibt uns das Schiff sowie die Mannschaft und ihre Aufgaben. Und den erfahrenen, um- und vorsichtigen Kapitän Captain Edwardes.

„Lange konnte es ja nicht dauern …“

Dann mehren sich die Anzeichen für einen unwahrscheinlichen Sturm. Captain Edwardes entscheidet sich schließlich, in diesen direkt hineinzufahren.

Lange konnte es ja nicht dauern; für ein paar Stunden ein gewaltiger Sturm aus der einen Ecke, dann einen kurze Windstille, wenn das Zentrum über sie hinwegzog, und dann der Wind aus der anderen Richtung, …

Fünf schlaflose Tage und Nächte

Es dauerte vier Tage, riss unter anderem die Schornsteinstage heraus und versetzte das Schiff in eine sehr gefährliche Schräglage. Die Mannschaft macht alles, um sich zu retten, aber an diese Rettung glaubt eigentlich niemand mehr (man ist dem Toben auch hilflos ausgeliefert, weil Motor ausfällt). Auch nicht, als sie der Sturm am fünften Tag ausspuckt.

Solange der Hurrikan andauerte, hatte er die „Archimedes“ stabilisiert. (…) Aber jetzt tanzte das Schiff wie ein toll gewordener Korken, sie rollte so stark, wie sie es seit dem Beginn des Sturms nicht getan hatte. Was an Bord inzwischen noch nicht zu Bruch gegangen war, ging jetzt in Stücke.

Lauter Wracks

Endlich gelingt es, einen Funkspruch loszuschicken. Dem eintreffenden Rettungsschiff und den LeserInnen bietet sich ein unvergesslicher Anblick. Ein treibendes Wrack, darauf menschliche Wracks, die fünf Tage und Nächte ohne Schlaf in einem Zustand zwischen grundloser Hoffnung und berechtigter Resignation in Eiseskälte geschuftet hatten.

Hughes berichtet noch, was der Hurrikan aus diesen Menschen gemacht hat. Und dann entlässt er uns in unsere Normalität.

Erschöpft

Auch wir sind erschöpft. Wir waren unweigerlich mitleidende Zeugen bei diesem Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. Vielleicht sinken wir in einen ruhelosen Schlaf (wie die meisten aus der Mannschaft). Vielleicht liegen wir auch mit offenen Augen da, und das Kino im Kopf lässt sich einfach nicht abstellen.

Werden wir jemals wieder ein Schiff leichten Herzens betreten können?

Von Werner Schuster

Infos:

Richard Hughes wurde 1900 in Surrey, England, geboren. Seine frühe Kindheit wurde durch den Tod zweier Geschwister und des Vaters geprägt, die Mutter arbeitete nach dem Tod des Vaters als Journalistin. Nach dem ersten Weltkrieg ging Hughes nach Oxford, wo er zum Star der universitären Literaturszene avancierte. Bereits 1922 publizierte er einen Gedichtband. Eines seiner Theaterstücke wurde im gleichen Jahr im Londoner West End aufgeführt.

Mehr über Richard Hughes [6] bei Wikipedia.


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[1] Kurzkritik: #kurz

[2] Was meinen Sie?: #user

[3] Ausführliche Besprechung: #rezi

[4] Infos: #infos

[5] „Im Zeichen des Zorro“: http://www.eselsohren.at/2012/11/09/mcculley-johnston-im-zeichen-des-zorro/

[6] Mehr über Richard Hughes: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Hughes_(Schriftsteller)

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