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Johnson, Uwe: Eine Reise nach Klagenfurt

Posted By Werner On 06/11/2007 @ 06:14 In 1950-1974,AutorInnen IJ,Rezensionen,Romane & Erzählungen | No Comments

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]

Buchcover
Literarische Reportage
Suhrkamp
(1974)
Inhalt:

In Klagenfurt hat Ingeborg Bachmann ihre Kindheit erlebt; ist diese Zeit noch zu finden in der Stadt von heute? Danach zog sie vor, zu leben in Rom und anderswo; was für Einladungen bietet Klagenfurt? Briefliche, autobiographische und andere Zitate Ingeborg Bachmanns lösen die Recherchen Uwe Johnsons aus, das Zusammenspiel beider Elemente illustriert die Spannung zwischen den beiden Orten. In Rom starb Ingeborg Bachmann am 17. Oktober 1973; in Klagenfurt ist sie begraben. (Pressetext)

Kurzkritik:

Man wird über diesem vergnüglich zu lesenden Buch nicht viel schlauer über Bachmann, Klagenfurt, Johnson, nur ein bisschen, aber vielleicht doch ein bisschen mehr als vorher, und man wird nicht belehrt darüber, wie die und das und der waren, man wird darüber allerdings – und auch gegen die wohl absichtlich ein wenig durchschimmernden Ansichten Johnsons – seine eigenen “Mutmassungen” anstellen können.

Besprechung:

Mutmassungen über Ingeborg

Als mir zwischen die Lektüre von Uwe Johnsons “Mutmassungen über Jakob” Ingeborg Bachmanns “Anrufung des großen Bären” [5] rutschte (weil ich die CD “Bachmann – Jazz” [6] gehört hatte), fiel mir das ergötzliche Buch “Eine Reise nach Klagenfurt” ein, das Johnson kurz nach Bachmanns Tod über seinen Besuch in ihrer Geburtsstadt geschrieben hat.

Ingeborg Bachmann ist in Klagenfurt aufgewachsen, Johnson, der mit Bachmann befreundet gewesen ist, wollte eruieren, ob etwas aus dieser Zeit noch zu finden war im Jahre 1973, und ging sehr “journalistisch” vor, besser gesagt: vorgeblich objektiv.

Heimkehr Österreichs

In einem an die LeserInnen gewandten, scharf ironischen bis sarkastischen Ton überprüfte er Äußerungen aus Bachmanns Briefen anhand der Fakten, die sich ihm darboten oder denen er nachging. Den Weg zur Schule etwa, welche ab 1928 von den Ursulinen geführt worden war, doch dann “meldete die KlagenfurterZeitung vom Dienstag, dem 15. März 1938, im 163. Jahrgang, Nummer 61, unter dem Titel eine ‘Heimkehr Österreichs ins Mutterland’, vorgefallen am 13. März”.

Wo Süden war und Österreich zu Ende

Am 10. April wurde die Volksanstimmung durchgeführt, bei der von 4,484.000 Österreichern 4,453.000 für den Anschluss stimmten (“Ungültig stimmten 5.776 Österreicher, gegen das Reich 11.929”). Am 9. August wurde den Ursulinen das Recht zu unterrichten genommen, daraus folgte ein reichsdeutscher Lehrplan (und viele umbenannte Klagenfurter Straßen). “1941 hatten die Nazis die Grenze Kärntens weit hinausgeschoben über die Karawanken, an denen man einst hatte sehen können, wo Süden war und Österreich zu Ende. … Slowenische Bürger, die der S.S. mißliebig auffielen, wurden festgenommen, ermordet, ausgesiedelt.” 1943 begannen die Fliegerangriffe. 1944 bestand Bachmann die Matura-Prüfungen. “1945 kamen die Engländer nicht allein. Mit ihnen kamen die Jugoslawen”, die – so Trude Polley in ihrem von Johnson zitierten Buch “Klagenfurt” – “viele Deutschkärntner ermordeten und verschleppten”. (Das könnte man auch als Beitrag zum immer noch aktuellen Ortstafelstreit ansehen; Anm.)

Das Grab Nummer 16 in der Reihe 3

Nach einem kurzen Abstecher in ein lebenslustig geschildertes Rom (wo Bachmann gelebt hatte und gestorben war) widmete sich Johnson nochmals Klagenfurt, insbesondere dem Friedhof (wo Bachmann begraben liegt): “Das Grab Nummer 16 in der Reihe 3 in der Klasse I im Feld XXV hat Besuch gehabt. Am Kopfende des Hügels lehnt ein kleiner, aus vielerelei Blumen, auch solchen mit Kirschen, geflochtener Kranz, mit eigroßen Steinen umlegt.”

Vielleicht doch ein bisschen mehr

Man wird über diesem vergnüglich zu lesenden Buch nicht viel schlauer über Bachmann, Klagenfurt, Johnson, nur ein bisschen, aber vielleicht doch ein bisschen mehr als vorher, und man wird nicht belehrt darüber, wie die und das und der waren, man wird darüber allerdings – und auch gegen die wohl absichtlich ein wenig durchschimmernden Ansichten Johnsons – seine eigenen “Mutmassungen” anstellen können.

Von Werner Schuster
Infos:

Über Uwe Johnson [7] bei Wikipedia.


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[1] Kurzkritik: #kurz

[2] Was meinen Sie?: #user

[3] Ausführliche Besprechung: #rezi

[4] Infos: #infos

[5] “Anrufung des großen Bären”: http://www.eselsohren.at/2007/11/05/gastbeitrag-nichts-schonres-unter-der-sonne/

[6] “Bachmann – Jazz”: http://www.encounters.at

[7] Uwe Johnson: http://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Johnson

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