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Stadick, Mara: Was wir nicht sehen

Posted By Werner On 15/11/2013 @ 06:00 In AutorInnen S,Neue Artikel,Rezensionen,Romane & Erzählungen | No Comments

Erzählungen
Taschenbuch, E-Book
150 Seiten
Erschienen 2013 bei Tauber/neobooks

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]
Inhalt:

Eine Frau trifft einen Mann in absoluter Dunkelheit. Eine andere Frau besucht einen Mann nachts im Schlaf. Eine weitere Frau lässt sich an einem geheimen Ort aufspüren. Drei Begegnungen von Fremden unter ungewöhnlichen Bedingungen mit offenem Ausgang. Und jedes Mal stellt sich die Frage: Wie nah können sich zwei Menschen unter solchen Voraussetzungen kommen? Und wie nah wollen sie sich kommen? (Pressetext)

Kurzkritik:

Mara Stadick hat den Amor-und-Psyche-Stoff in die heutige Zeit transferiert und drei erotische Erzählungen geschrieben, die mit einem Gedankenexperiment verknüpft sind: Was bleibt von uns, wenn wir uns nicht über Beruf und Familienstand definieren – und nicht einmal über unser Aussehen?

Besprechung:

Dialog im Dunkeln

Mara Stadick hat den Amor-und-Psyche-Stoff in die heutige Zeit transferiert und drei erotische Erzählungen geschrieben, die mit einem Gedankenexperiment verknüpft sind: Was bleibt von uns, wenn wir uns nicht über Beruf und Familienstand definieren – und nicht einmal über unser Aussehen?

„Date im Dunkeln“ handelt genau davon, was der Titel verspricht: Eine Frau trifft einen Mann in absoluter Dunkelheit. Sie kennen sich nicht, haben sich via Internet verabredet. Er nennt sich Tristan, verehrt und zitiert auch „Tristan und Isolde“ von Gottfried von Straßburg. Sie geht einem nicht näher definierten Job in einem großen Büro nach, trifft sich ab und zu mit einer guten Freundin, trainiert Jiu-Jitsu und liebt es vor allem, alleine zu sein.

Susanne empfand das als unglaublichen Luxus: machen zu könne, wonach einem gerade der Sinn stand!

„Er war so schön als der unbekannte Ritter“

Viel mehr an Gewöhnlich-Biografischem erfahren wir von den beiden nicht. Sie hat einerseits Angst, zu dem Treffen mit dem Unbekannten zu gehen, andererseits fantasiert sie von ihrem Date; ihre Fantasien haben mit der Tristan-Geschichte zu tun.

Mit mehr Angst als Zuversicht begibt sie sich in eine abgedunkelte Wohnung. Susanne und „Tristan“ tasten sich vorsichtig aneinander heran und haben schließlich sinnlichen Sex, ohne zu wissen, wie ihr Partner aussieht und was er/sie für ein Mensch ist – außer beim Liebesspiel.

Sie wiederholen ihr Abenteuer. Beim dritten Mal hätte Susanne die Chance, ihn bei Licht zu betrachten, doch sie nutzt sie nicht.

Er war so schön als der unbekannte Ritter, und wenn sie jetzt ging, würde er immer so schön bleiben.

Tristan und Susanne

Tristan und Susannes Abenteuer ist wahrscheinlich nichts, was wir tatsächlich tun würden. Aber wir tun ja das Wenigste selbst oder ahmen nach, was wir in Büchern lesen. – Stadick gelingt es jedenfalls mühelos, dass wir an ihre Geschichte glauben können und fasziniert Anteil nehmen.

Bei „Szene am See“ wollte mir das nicht so recht gelingen. Nicht, weil die Geschichte unglaubwürdiger wäre als die von „Date im Dunkeln“. Doch gibt Stadick, dass eine Frau sich von einem Unbekannten an einem geheimen Ort aufspüren lässt, als Gedankenstrom ihrer Protagonisten wider, und dass sie in diese Gedankenströme auch die Handlung packt, hat mich ständig aussteigen lassen:

Schnell eine SMS mit der Wegbeschreibung an ihn schicken, die mitgebrachten Decken drapieren, Schuhe ausziehen und hinlegen!

Amor und Psyche

„Blick zum Balkon“ wiederum mochte ich sehr. Hier erzählt ein Mann, der mit seiner Freundin gestritten hat, wie er sich von einer Unbekannten in seiner Wohnung besuchen lässt, die ihn auf seinem Balkon beobachtet hat. Dass dies keine Geschichte über untreue Männer-Schweine ist, wird spätestens mit dem überraschenden Schluss klar.

Den Erzählungen vorangestellt ist ein Prolog, in dem Stadick den Amor-und-Psyche-Stoff nacherzählt. Die wunderschöne Königstochter Psyche wurde von Amor in ein märchenhaftes Schloss entführt, Nacht für Nacht besucht er sie – und er warnt sie davor, herauszufinden versuchen, wer er ist. Weil sie Angst hat, mit einem Ungeheuer zu schlafen, beleuchtet sie ihn eines Nachts und wird von ihm verstoßen. Doch seine Liebe zu Psyche ist schlussendlich so groß, dass Amor sie von Jupiter unsterblich machen lässt und sie heiratet. Ihre Tochter erhielt den Namen Voluptas (Wollust).

Gedankenexperimente

Alle drei von „Amor und Psyche“ beeinflussten Erzählungen sind erotisch aufgeladene Literatur, die mit einem Gedankenexperiment verknüpft sind, welches wiederum der Erotik dient. Es untersucht aber auch, was geschieht, wenn wir das Übliche hinter uns lassen und einem Menschen begegnen, den wir nicht wie gewohnt kennenlernen. Was bleibt von uns, wenn wir uns nicht über Beruf und Familienstand definieren – und nicht einmal über unser Aussehen?

Von Werner Schuster

Infos:

Mara Stadick, Jahrgang 1971, hat Germanistik und Psychologie in Berlin studiert und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in der Nähe von Potsdam. Sie arbeitet zur Zeit an weiteren Erzählungen, einem Roman und einem Kinderbuch.

Mehr über Mara Stadick [5] auf www.marastadick.de.


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