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Reiss, Tom: Der schwarze General

Posted By Werner On 13/09/2013 @ 06:00 In AutorInnen R,Biografien, Erinnerungen,Leben im Krieg,Rezensionen | No Comments

Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo

Biografie
Hardcover, E-Book
544 Seiten
Erschienen 2013 bei dtv
Aus dem Englischen von Karin Schuler und Thomas Pfeiffer
Originalausgabe: „The Black Count”, 2012

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]
Inhalt:

Alex Dumas (1762 – 1806) war Kind eines in der französischen Zuckerkolonie Saint-Domingue untergetauchten Adligen und einer schwarzen Sklavin. Der adlige Herr kehrte später unter seinem echten Namen und Titel eines Marquis wieder nach Frankreich zurück. Den Sohn ließ er nachkommen. Der heiratete eine weiße Französin, mit der er drei Kinder hatte, eines davon der spätere Bestsellerautor Alexandre Dumas d. Ä., und machte eine glänzende Karriere in der Armee, zuletzt als General unter Napoleon. (Pressetext)

Kurzkritik:

Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, dass Alexandre Dumas d. Ä. („Die drei Musketiere“, „Der Graf von Monte Christo“ [5]) von schwarzen haitianischen Sklaven abstammte, sich selbst als „nègre“ bezeichnete und von der Gesellschaft vielfach geschnitten wurde. Noch weniger weiß man über seinen Vater, obwohl dieser ein zu Lebzeiten berühmter französischer Soldat gewesen ist.

Kein Franzose, sondern der amerikanische Journalist und Autor Tom Reiss hat über diesen eine Biografie verfasst, die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Zu Recht. Reiss hat nicht bloß das Leben Alex Dumas‘ rekonstruiert, sondern schildert die Epoche der Französischen Revolution und Napoleons so kenntnisreich, vorstellbar und verständlich, dass „Der schwarze General“ auch Menschen interessieren müsste, denen sowohl der Soldat als auch sein Schriftsteller-Sohn egal sind.

Besprechung:

Ein schwarzer General – und Napoleon

Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, dass Alexandre Dumas d. Ä. („Die drei Musketiere“, „Der Graf von Monte Christo“ [5]) von schwarzen haitianischen Sklaven abstammte, sich selbst als „nègre“ bezeichnete und von der Gesellschaft vielfach geschnitten wurde. Noch weniger weiß man über seinen Vater, obwohl dieser ein zu Lebzeiten berühmter französischer Soldat gewesen ist.

Kein Franzose, sondern der amerikanische Journalist und Autor Tom Reiss hat über diesen eine Biografie verfasst, die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Zu Recht. Reiss hat nicht bloß das Leben Alex Dumas‘ rekonstruiert, sondern schildert die Epoche der Französischen Revolution und Napoleons so kenntnisreich, vorstellbar und verständlich, dass „Der schwarze General“ auch Menschen interessieren müsste, denen sowohl der Soldat als auch sein Schriftsteller-Sohn egal sind.

Luxusleben, einfacher Soldat

Über Alex Dumas weiß auch Reiss nicht besonders viel Persönliches. Sein Vater, ein Adeliger, hatte sich auf Saint-Domingue (heute Haiti) eher herumgetrieben, als mit Zuckerrohr Geschäfte zu machen und nahm bei seiner Rückkehr nach Frankreich den Sohn mit, den er mit einer Sklavin gezeugt hatte. Durch einen von ihm skrupellos geführten Erbschafts-Rechtsstreit reich geworden, konnte er sich (und seinem Sohn) einen mehr als standesgemäßen Lebensstil ermöglichen.

Bis zum Zerwürfnis mit seinem Vater verprasste Alex Dumas hauptsächlich dessen Geld. Danach ließ er sich nicht protegieren, sondern fing seine Laufbahn als einfacher Soldat an. Bald machte er sich durch seine tollkühne Einsatzbereitschaft bemerkbar, und Alex Dumas stieg unaufhaltsam in die Offiziersränge auf.

Kurzfristig keine Rassendiskriminierung

Dies war möglich, weil es in Frankreich für kurze Zeit vom Gesetz her keine Rassendiskriminierung hab. Grob gesagt: Alle französischen Staatsbürger hatten dieselben Rechte. (Genauer: Sklaven, die französischen Mutterboden betraten, waren gemäß dem Freiheitsprinzip abgesehen von einigen Ausnahmeregelungen automatisch frei.) Zwar wurden im Alltag nicht alle gleich behandelt, aber es gab neben Alex Dumas auch andere schwarze Offiziere.

Dumas jedoch war seinem Biografen zufolge neben Napoleon der begabteste Armeekommandant seiner Zeit und nahm auch als uneinnehmbar geltende Stellungen ein. Er heiratete eine Gastwirts-Tochter und machte er rasch Karriere. 1794 war er Befehlshaber über die Alpenarmee, mit der er bis an den von Italienern verteidigten Mont Cenis vordrang. Im selben Jahr musste er den Oberbefehl in der Vendée übernehmen, wo ihn seine Mäßigung gegenüber den Aufständischen beim Terrorregiment des so genannten „Wohlfahrtausschusses“ in Ungnade brachte und fast den Kopf kostete. Dumas lebte die Ideale der Französischen Revolution – was ihm von Seiten Napoleons keine Sympathien einbrachte.

Gefangenschaft

1798 machte er dessen Ägypten-Feldzug mit – und wurde bei seiner Rückreise in Unteritalien gefangen genommen. Er vermutete, dass man ihn im Gefängnis vergiften wollte. Jedenfalls erkrankte er schwer, litt unter Depressionen und starken Bauchschmerzen und wurde außerdem auf einem Auge blind und auf einem Ohr taub. Nach zwei Jahren wurde er nach Kapitulationsverhandlungen mit dem König von Neapel freigelassen.

Doch da war Napoleon schon sein Staatsstreich gelungen. Dumas bekam weder Entschädigung für seine Gefangenschaft noch ein Gehalt noch den Orden der Ehrenlegion. Außerdem wurden unter Napoleon die schwarzen Franzosen wieder entrechtet. Alex Dumas starb verarmt und vergessen.

Nur sein Sohn hat die Erinnerung an ihn bewahrt: Viele Geschichten in dessen Romanen gehen auf die Erlebnisse seines Vaters zurück.

Reiss lässt einen Safe knacken

Teilweise abenteuerlich gestalteten sich auch Tom Reiss‘ Recherchen für sein Buch. Er hatte in Erfahrung gebracht, dass sich in einem Safe im Museum des Städtchens Villers-Cotterêts Briefe und Aufzeichnungen von Alex Dumas befinden sollten. Leider war die Museumsdirketorin kurz vor seiner Ankunft verstorben – und hatte die Safe-Kombination mit ins Grab genommen. Nach jahrelanger Vorarbeit an seinem Buch wollte Reiss nicht aufgeben: Er brach (mit Duldung vom Vizebürgermeister) in das Museum ein und ließ den Safe gewaltsam öffnen. – So konnte er vieles verifizieren, was Alexandre Dumas d. Ä. in seinen Romanen und Erinnerungen über seinen Vater geschrieben hat.

Einiges, was bei Wikipedia über Alex Dumas steht, findet sich in der Biografie nicht. (Etwa dass Dumas‘ Freundschaft mit drei seiner Kameraden seinen Sohn zum Roman „Die drei Musketiere“ inspiriert hätte.) Dafür entdeckte Reiss Indizien dafür, dass sich Edmond Dantès Leidensweg im „Graf von Monte Christo“ in vielem mit dem des schwarzen Generals deckt.

Großartig geschrieben

Reiss macht jedoch keine weitere Romanfigur aus Alex Dumas, sondern beschreibt, wovon er sich überzeugen konnte. Und er liefert auch Details zur Französischen Revolution und zu Napoleon, die man vielleicht nicht kennt, auch wenn man über dieses Zeitalter einigermaßen Bescheid weiß.

Und so ist „Der schwarze General“ ein auch großartig geschriebenes Buch für Abenteuer- und Geschichts- sowie für Literaturfreunde.

Von Werner Schuster

Infos:

Tom Reiss lebt als Autor und Journalist in New York. Er schreibt unter anderem für ›The New Yorker‹, ›The Wall Street Journal‹ und ›The New York Times‹. Sein erstes auch auf Deutsch erschienenes Buch ›Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey‹ (2008) war ein Weltbestseller. Für ›Der schwarze General‹ wurde Tom Reiss 2013 mit dem Pulitzer-Preis für Biografie ausgezeichnet.

Mehr über Thomas Alexandre Dumas [6] bei Wikipedia.


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[1] Kurzkritik: #kurz

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[3] Ausführliche Besprechung: #rezi

[4] Infos: #infos

[5] „Der Graf von Monte Christo“: http://www.eselsohren.at/2011/01/14/alexandre-dumas-der-graf-von-monte-christo/

[6] Mehr über Thomas Alexandre Dumas: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alexandre_Dumas

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