19/08/2013von 783 Views – 1 Kommentar

Xu Pei: Der weite Weg des Mädchens Hong

Roman
Hardcover
349 Seiten
Erschienen 2013 bei Ch. Schroer
Gastbeitrag von Reinhard Iben

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Inhalt:

Eine ehemalige Pipa-Solistin der Armee der Kommunistischen Partei Chinas beschreibt authentisch, interessant und berührend ihre Suche nach dem Lebenssinn und den Weg des Mädchens Hong zwischen dem kulturellen Erbe Chinas, den kommunistischen Verbrechen und westlichen Einflüssen. (Pressetext)

Kurzkritik:

Von Tibet bis Paris führt der Lebensweg der jungen chinesischen Protagonistin, Jahrgang 1964, mit vielen Stationen am Wegesrand und in dessen Sichtweite. Die Beschreibungen reichen weit über ihre Person hinaus, sind voll von Bezügen zur chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Eine Vielfalt an Menschenschicksalen wird lebensecht und einfühlsam geschildert, macht das Buch zu einer fesselnden Lektüre. (Reinhard Iben)

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Besprechung:

Kommunistische Verbrechen und westliche Einflüsse

An den legendären „Langen Marsch“ in Chinas Bürgerkrieg mag man spontan denken bei diesem Titel, doch Xu Pei beschreibt nichts Legendäres, und marschiert wird darin allenfalls zur Aufstellung am Schul- und Universitäts-Appellplatz.

Die kommunistische Machtergreifung liegt zu Beginn jenes weiten Wegs schon fünfzehn Jahre zurück. Von Tibet bis Paris führt der Lebensweg der jungen chinesischen Protagonistin, Jahrgang 1964, mit vielen Stationen am Wegesrand und in dessen Sichtweite. Die Beschreibungen reichen weit über ihre Person hinaus, sind voll von Bezügen zur chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Eine Vielfalt an Menschenschicksalen wird lebensecht und einfühlsam geschildert, macht das Buch zu einer fesselnden Lektüre. Dieser Roman ist keine Übersetzung aus dem Chinesischen. Xu Pei hat auf Deutsch geschrieben und dabei einen sehr prägnanten, eigenen Ton entwickelt.

Privilegiert

Durchgehend bleibt der Erzählfluss bei diesem Sprachstil von hoher Konzentration. So wird eine Kindheit beschrieben, in der das Mädchen Hong zunächst nicht bemerken kann, daß ihre Eltern zur neuen Kaste der privilegierten Partei-Funktionäre gehören. Eine frühe Prägung erfährt sie als Kleinkind durch eine Nenn-Tante, die aus der Kultur und dem geistigen Werte-Kosmos des traditionellen China stammt.

Das hilft der heranwachsenden Hong zu erahnen, wie die Eltern und deren Umgebung in einem irrigen Avantgarde-Bewußtsein leben, dabei bedeutsame Tatsachen der Vergangenheit wie der Gegenwart verschweigen und verdrängen. Es gemahnt an die Schriften von Kindern hoher DDR-Partei-Bonzen, beispielsweise Thomas Brasch und Monika Maron.

Der Westen tritt in Hongs Leben

Für Studentin Hong am Fremdsprachen-Institut tritt eine weitere prägende Figur hinzu. Ein hoher Partei-Funktionär ist es, Bürgerkriegs-Kamerad ihres Vaters, der klammheimlich schon die innere Kündigung beim kommunistischen Regime vollzogen hat und zunehmend offener mit Mädchen Hong darüber spricht. Er sticht hervor aus der Schar von Zynikern und Opportunisten, die ebenso wie er erkannt haben, was in Wirklichkeit gespielt wird im Staate Volksrepublik. Statt als Reaktion darauf nur noch die eigene Vorteils-Maximierung zu verfolgen wie jene, wendet er sich dem Spirituellen zu.

In Gestalt von Dozenten am Sprachen-Institut tritt der Westen in Hongs Leben, darunter eine Pariser Intellektuelle. Westeuropäisch links und emanzipiert ist sie auf der Höhe der Moderne. Mit größter Selbstverständlichkeit offenbart sie wie nebenbei die von ihr für einzig wahr gehaltene Einstellung zur Sexualität, die auf eine Variante des Konsumverhaltens hinausläuft. Das möchte sie auch ihrer Studentin Hong vermitteln. In deren Innerstem jedoch herrscht eine damit unvereinbare Verfasstheit, was für die Dozentin aus Europa jenseits aller Vorstellung liegt.

(K)eine Drachenfrau

Der zweite Teil des weiten Wegs von Mädchen Hong verläuft in West-Europa und wird in Form von Briefen dargestellt. In Düsseldorf geschrieben und an einen geliebten Europäer gerichtet, reflektieren sie Hongs Beziehung zu ihm. Etwas verwirrend für Deutsche ist die Absender-Bezeichnung „Drachenfrau“, die jedoch in chinesischer Bedeutung das ganze Gegenteil einer bösen Xanthippe meint. In sechs Stücken verteilt im Text des Romans, können diese Briefe als metaphorische Ansprachen an Europa verstanden werden. Tiefe Verbundenheit wird in ihnen ausgedrückt, ebenso wie kritische Distanz. Für Europäer jedenfalls mit Gewinn zu lesen. Wie alles von Mädchen Hongs weitem Weg.

Von Reinhard Iben

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Infos:

Xu Pei wurde in Kingding, VR China, geboren, ihre Eltern wuchsen im kommunistischen System auf und arrangierten ihr Leben in diesem Umfeld. Sie kam Ende 1988 nach Deutschland und studierte Germanistik und Philosophie in Düsseldorf. Nach dem Tiananmen-Massaker 1989 begann sie auch in Deutsch zu veröffentlichen. Heute lebt und arbeitet sie in Köln und darf nicht mehr in China einreisen. Bis jetzt veröffentliche Xu Pei fünf Gedichtbände. Der weite Weg des Mädchens Hong ist der Debütroman der Exil-Chinesin, den sie bewusst auf Deutsch verfasst hat.

Mehr über Xu Pei bei Wikipedia.

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