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Goebel, Joey: Ich gegen Osborne

Posted By Werner On 27/02/2013 @ 06:00 In Außenseiter,AutorInnen G,Krieg im Leben,Love & Hard Times,Neue Artikel,Rezensionen,Romane & Erzählungen | No Comments

Roman
Hardcover
432 Seiten
Erschienen 2013 bei Diogenes
Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog
Originalausgabe: „I against Osbourne”, 2012

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]
Inhalt:

Er ist ein Unikat in einer Welt, in der sich jeder durch Originalität abheben will. Er ist als Einziger erwachsen in einer Welt mit kindischen Spielregeln. Und der Einzige, der sich noch nach etwas sehnt und auch dafür kämpft: der Schüler James Weinbach. „Ich gegen Osborne“, der neue Roman von Joey Goebel, mit dem er der amerikanischen Partygesellschaft den Stecker zieht. (Pressetext)

Kurzkritik:

Könnte es sein, dass „Ich gegen Osborne“ kein neuer Roman, sondern ein überarbeitetes Frühwerk von Joey Goebel ist? Einige Mängel lassen darauf schließen.

Die Hauptfigur, der Ich-Erzähler James Weinbach, selbst macht auf mich den Eindruck eines Pubertierenden, der von einem Pubertierenden beschrieben wird. Auf jeden Fall hat James zu wenig Abstand zu sich, als dass er seinen Bericht wirklich im Griff hätte. Vor allem dass der noch nicht weit zurückliegende Tod seines Vaters bloß eine – beiläufig erwähnte – Randerscheinung im Romangefüge bleibt, ist seltsam und lässt die Meisterschaft, die Goebels vorletzten Roman „Heartland“ auszeichnet, vermissen.

Besprechung:

Und Vati ist auch gestorben

Könnte es sein, dass „Ich gegen Osborne“ kein neuer Roman, sondern ein überarbeitetes Frühwerk von Joey Gobel ist? Einige Mängel lassen darauf schließen.

Das Buch beginnt mit der Zeitangabe „7,47“ und endet, nach 420 Seiten, mit „15.32“. Auf jeder Seite vergeht also eine knappe Minute. Der 17-jährige James Weinbach erzählt uns also minutiös einen Tag aus seinem Leben an der Osborne-Highschool.

Nun sind normalerweise minutiöse Lebensbeschreibungen Anfänger-Fehler (nicht umsonst lobt man viele große SchriftstellerInnen für ihre Kunst des Weglassens), aber Goebel ist kein Anfänger. Schon mit seinem Debüt „Freaks“ (über eine merkwürdige Rockband) hat er sich als eine eigenwillige, selbstbewusste neue Stimme in der Literaturlandschaft bemerkbar macht, „Vincent“ war dann ein kluges Gedankenexperiment (über die Unterhaltungsindustrie), und mit „Heartland“ hat der damals 28-jährige Goebel ein meisterliches USA-Panorama hingelegt.

„Biotop“ Highschool

Jetzt, mit 32, hat er einen Ausschnitt der amerikanischen Lebensart beschrieben, das „Biotop“ Highschool, und „Ich gegen Osborne“ ist ein weiteres Experiment: Die realistische Schilderung eines Sonderlings, der in knapp acht Stunden in eine außergewöhnliche Situation nach der anderen gerät.

Es fängt allerdings recht gewöhnlich an:

7.74 Wie jeder andere vernünftige Mensch auch hasste ich die Highschool.

Sie hat einen anderen

Doch James hasst die Highschool auch, weil ihm die anderen allesamt zu niveaulos sind. Mit ganz wenigen Ausnahmen, Chloe Gummere ist eine davon. Mit der will er sich eigentlich endlich verabreden, doch dann erfährt er, dass sie neuerdings mit Hamilton Sweeney zusammen ist (der sich im Romanverlauf als weniger oberflächlich herausstellet, als James anfangs meint).

James, der sich von den anderen auch äußerlich abgrenzt, indem er als einziger einen Anzug trägt, sieht sich als Schriftsteller und wird in Creative-Writing für einen Text von seinen MitschülerInnen heftig kritisiert. Das treibt ihn schließlich dazu, einen Schluck aus der Wodka-Flasche von Tyler Wilkey zu nehmen, mit dem er sich einen Spind teilt. Natürlich wird er erwischt.

Den Direktor erpressen

Er wird zum Direktor geführt, der nicht nur von einer Bestrafung absieht, als er von James mit einem Geheimnis erpresst wird, der Direktor bietet sogar an, James einen Wunsch zu erfüllen, wenn der das Geheimnis nicht ausplaudert. Und James wünscht sich, dass der Abschlussball abgesagt wird, den er ablehnt und auf den sich der große Teil seiner MitschülerInnen mehr als freut.

Der Ball wird tatsächlich abgesagt, und als James schließlich öffentlich zugibt, dass er dies erwirkt hat (aber nicht wie), wird er zum meistgehassten Schüler (eine Minderheit sympathisiert allerdings mit ihm), der nach Unterrichtsende wohl mit Prügel zu rechnen hat.

Keine Handys

Zwischendurch erfährt man, dass James‘ Vater vor Kurzem gestorben ist. – Dieser Umstand wird allerdings in dem Roman nicht weiter groß thematisiert.

Goebel erwähnt auch nicht explizit, wann der Roman spielt. Man könnte lange meinen, in der Gegenwart, doch irgendwann fällt einem vielleicht auf, dass die alle keine Handys benutzen. Einiges deutet darauf hin, dass die Jahrtausendwende noch nicht stattgefunden hat. – Goebel ist 1980 geboren. Ich will jetzt nicht unterstellen, „Ich gegen Osborne“ wäre autobiografisch. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es sich dabei um ein Jugendwerk handelt, das er überarbeitet hat.

Ungerechtfertigt

Dafür spräche auch, dass der Roman gegenüber „Vincent“ und – vor allem – „Heartland“ zurückfällt, was die Komposition betrifft. Er ist auch nicht so rotzig wie „Freaks“. Das sind gewiss Mutmassungen, aber ich hatte mir schon am Beginn von „Ich gegen Osborne“ gedacht, die minutiösen Schilderungen müssten auf etwas hinauslaufen, das sie erklärt oder rechtfertigt. Das tun sie aber nicht. Goebel erzählt uns via James einen Tag, der in dieser Verdichtung so nicht stattgefunden haben kann, dies jedoch, wie gesagt, sehr realistisch.

Das alles ist zwar gut geschrieben, bleibt aber in Summe unbefriedigend. Gewiss erlaubt die Perspektive eines Sonderlings, das Phänomen Highschool gleichermaßen von außen wie von innen zu betrachten. Und eigentlich sind alle Figuren außer dem Ich-Erzähler interessant und nachvollziehbar gezeichnet (die SchülerInnen mehr als die LehrerInnen). Dass der Direktor vor James dermaßen auf die Knie geht, wirkt auf mich allerdings doch übertrieben.

Nicht im Griff

Und James selbst macht auf mich den Eindruck eines Pubertierenden, der von einem Pubertierenden beschrieben wird. Auf jeden Fall hat James zu wenig Abstand zu sich, als dass er seinen Bericht wirklich im Griff hätte. Vor allem dass der Tod seines Vaters bloß eine – beiläufig erwähnte – Randerscheinung im Romangefüge bleibt, ist seltsam und lässt die Meisterschaft, die „Heartland“ auszeichnet, vermissen.

Von Werner Schuster

Infos:

Joey Goebel wurde 1980 in Henderson, Kentucky, geboren. Mit fünf Jahren schrieb er seine erste Story, erträumt sich jedoch bald ein Leben als Punkrocker. Als Leadsänger mit seiner Band „The Mullets“ tourte er dann tatsächlich fünf Jahre lang durch den Mittleren Westen bis nach Los Angeles. Joey Goebel hat einen B.A. in Anglistik vom Brescia College in Owensboro, Kentucky.

Mehr über Joey Goebel [5] bei Wikipedia.


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[4] Infos: #infos

[5] Mehr über Joey Goebel: http://de.wikipedia.org/wiki/Joey_Goebel

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