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„Die Kritik der sauberen Küche“ von Eva Schuster

Posted By Eva On 20/12/2012 @ 00:05 In Eselsohren exklusiv,Neue Artikel | 8 Comments

Indem der Mensch das Gebiet möglicher Sauberkeit eingrenzt, grenzt er es auch ab. Das hat schwerwiegende Konsequenzen, auch wenn die Fragen dringlich sind, die wir uns angesichts der Möglichkeiten anhand von Erkenntnis und Geschirrspülen stellen. Denn die Küche ist – insbesondere zu Weihnachten – nicht nur ein Instrument der Erkenntnis, sondern auch ein universal gültiger Maßstab des Handelns. Die Ethik fragt: „Was kann ich wissen?“ „Was soll ich tun?“ und „Was darf ich hoffen?“

Verstand und Sinne müssen ineinandergreifen, damit Wissen entsteht. Ohne diesbezügliche Erfahrungen gelangt man aber nicht zu einer gewissen Erkenntnis und bleibt blind. Das ist in der Küche ganz schlecht.

Aus Erfahrung wissen wir: Die Küche ist schmutzig. Das wissen wir a priori, ohne ein Experiment machen zu müssen. Dieser Satz gilt als notwendig und allgemein, denn wir können uns eine Küche nie lange anders vorstellen als schmutzig, denn sonst wäre sie ja nicht Küche an sich.

A posteriori hingegen können wir die Erkenntnis erfahren: Die Küche ist sauber. Das wissen und glauben wir erst, wenn wir eine saubere Küche gesehen haben. Dieser Satz synthetisiert das Subjekt Küche mit der Eigenschaft sauber und ist ganz und gar nicht notwendig und allgemein.

Gibt es nun einen synthetischen Satz a priori? Für die Küche ließe sich da anführen: Dass die Küche schmutzig ist, muss eine Ursache haben. Diese lässt sich a priori ahnen, aber auch mit den Sinnen erfahren: Fettschlieren auf der Arbeitsplatte sind kein Muss, aber ein Immer-wieder-so. An der Schnittstelle des Küchenbrettes entfaltet sich also die wahre Wissenschaft.

Wenn Kant sagt: „All unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstande und endigt bei der Küche.“, hat er diesen Prozess wahrlich anschaulich interpretiert: Es stinkt, ich greife in was Klebriges, ich steige in Glasscherben und denke: „Aha! Die Küche ist schmutzig! Schnell weg hier!“ Das wäre die reine Vernunft. In Mittelpunkt dieser kopernikanischen Wende der Sichtweise steht der angeekelte Mensch, der sich durch Wischbewegungen den Dingen widmet und ignoriert, dass die Dinge offensichtlich immer noch mehr Macht über ihn ausüben als er über die Dinge.

Der Daten-Input im Sammelbegriff „schmutzige Küche“ wird vom schlaftrunkenen Menschen um 6 Uhr früh so gefiltert, dass er in der Lage ist, sich Kaffee zu machen, ohne ein Urteil treffen zu müssen. Später am Tag kann derselbe Mensch dann die gebündelten Sinneseindrücke sehr wohl ungefiltert beurteilen und sich den damit verbundenen Wissenschaftszweigen zuwenden, als da wären: das Fluchen, das Davonrennen, das Ignorieren. Ferner gäbe es noch die Wissenschaft des Putzens, doch da streiten sich die Philosophen ob der Zuständigkeitsfrage und blockieren somit vehement den Prozess.

Zusammenfassend bleiben also die oben gestellten Fragen nahezu unbeantwortet. Was kann ich wissen? Der Zufall bestimmt hier oftmals, in welchem Zustand ich die Küche vorfinde. Was soll ich tun? Da spaltet sich der kategorische Nebenzweig „Was sollen die anderen tun?“ vom Hauptstrang der erkenntnistheoretischen Forschung ab. Viel weiter sind wir hier leider noch nicht gekommen. Die letzte, von vielen als zu unpragmatisch verworfene Frage „Was darf ich hoffen?“ führt, abgesehen von der lebensbejahenden Richtung, die diese Frage in diesem immerhin sehr deprimierenden Lebensthema nimmt, zu einer weiteren, weniger lebensbejahenden Frage: „Was muss ich befürchten?“

Dazu hatte – wenn ich jetzt und hier ein wenig privat werden darf – mein Vater jedes Jahr zur genau richtigen Zeit die passende Antwort, nämlich nach dem Festmahl und vor einem Berg schmutzigen Geschirrs, mitten ins erschöpfte Dasein meiner Mutter: „Wirst sehen, bald is’ scho wieder Weihnachten!“

© Eva Schuster


Über die Autorin

Eva LutzEva Schuster, geboren 1960, Grafik-Designerin, Multimedia-Producerin, Schauspielerin, Autorin, Eselsohren-Mitarbeiterin.


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