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Blumenthal, W. Michael: In achtzig Jahren um die Welt

Posted By Werner On 13/12/2010 @ 06:00 In Alles andere,AutorInnen B,Biografien, Erinnerungen,Gesellschaft,Politik, Geschichte,Rezensionen,Sachbücher | No Comments

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]

Cover Blumenthal In achtzig Jahren um die Welt [5]

  • Hardcover
  • Erschienen 2010 bei Propyläen,
    2012 bei List
  • Übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt


Inhalt:

Der Direktor des weltberühmten Jüdischen Museums Berlin, W. Michael Blumenthal, legt seine Memoiren vor, ein Zeitzeugnis ersten Ranges. Geboren in der Weimarer Republik, aufgewachsen im Dritten Reich, floh er mit seiner Familie vor den Nazis ans andere Ende der Welt, nach Shanghai. Von dort emigrierte er in die USA und machte Karriere in Wirtschaft und Politik, unter anderem als Berater Präsident Kennedys und als Finanzminister unter Präsident Carter. 1997 folgte er dem Ruf seiner Heimatstadt und kehrte nach Berlin zurück. (Pressetext)

Kurzkritik:

Lebenserinnerungen selbst zu schreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Was von allgemeinem Interesse ist, könnte langweilig werden, und das Persönliche könnte leicht ins Intime abrutschen, das nur bedingt wissenswert wäre.

Bei W. Michael Blumenthal bestand diesbezüglich wohl keine Gefahr. Der wusste, was er tat: „Im folgenden erzähle ich Jahrzehnt für Jahrzehnt von den Höhen und tiefen des Jahrhunderts, wie ich sie in der Nähe bedeutender Entscheidungsträger erlebt habe. Es ist eine persönliche Geschichte der schicksalshaften Jahre aus der Perspektive eines Akteurs und Beobachters und keine objektive Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie ein Historiker sie dargestellt hätte. Genauso wenig hanelt es sich um eine gewöhnliche Autobiographie, vielmehr ist es ein Hybrid, etwas, das, wie Eric Hobsbawm solche Bemühungen beschrieben hat, ,eine Zwielichtzone zwischen der Geschichte und der Erinnerung, zwischen der Vergangenheit als einem grob skizzierten Bericht … und der Vergangenheit als einem erinnerten Bestandteil oder Hintergrund des eigenen Lebens‘ ausmisst.“

Sein Buch ist auch für diejenigen ein Gewinn, die Blumenthals Überzeugungen nicht teilen. Und für die anderen, welche zu wenig über das 20. Jahrhundert wissen oder ihre Perspektiven und/oder Vorurteile überprüfen möchten.

Besprechung:

Eine persönliche Geschichte des 20. Jahrhunderts

Lebenserinnerungen selbst zu schreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Was von allgemeinem Interesse ist, könnte langweilig werden, und das Persönliche könnte leicht ins Intime abrutschen, das nur bedingt wissenswert wäre.

Bei W. Michael Blumenthal bestand diesbezüglich wohl keine Gefahr. Der wusste, was er tat: „Im folgenden erzähle ich Jahrzehnt für Jahrzehnt von den Höhen und tiefen des Jahrhunderts, wie ich sie in der Nähe bedeutender Entscheidungsträger erlebt habe. Es ist eine persönliche Geschichte der schicksalshaften Jahre aus der Perspektive eines Akteurs und Beobachters und keine objektive Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie ein Historiker sie dargestellt hätte. Genauso wenig hanelt es sich um eine gewöhnliche Autobiographie, vielmehr ist es ein Hybrid, etwas, das, wie Eric Hobsbawm solche Bemühungen beschrieben hat, ,eine Zwielichtzone zwischen der Geschichte und der Erinnerung, zwischen der Vergangenheit als einem grob skizzierten Bericht … und der Vergangenheit als einem erinnerten Bestandteil oder Hintergrund des eigenen Lebens‘ ausmisst.“

Vom Ghetto uns US-Außenministerium

Der 1926 geborene Blumenthal besuchte die jüdische Kaliski-Waldschule in Berlin-Dahlem, flüchtete mit seiner Familie im Frühjahr 1939 aus Deutschland nach Shanghai und emigrierte dann 1947 in die USA. Im Jahr 1952 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger. Von 1953 bis 1956 war er als Professor für Volkswirtschaftslehre tätig, danach als Vizepräsident und später Direktor der Crown Cork International Corporation. Von 1961 bis 1967 war er Mitarbeiter des US-Außenministeriums und zugleich wirtschaftspolitischer Berater der US-Präsidenten Kennedy und Johnson. 1967 wechselte er in den Vorstand des Technologieunternehmens Bendix Corporation. Von 1977 bis 1979 amtierte er als Finanzminister im Kabinett von US-Präsident Jimmy Carter. Im Jahr 1980 wurde er Vizepräsident und 1981 Vorstandsvorsitzender der Burroughs Corporation. Er fusionierte 1986 die Computerfirma mit Sperry zu Unisys. Danach war von 1990 bis 1996 Partner einer Investmentbank. 1997 wurde er als Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Berlin berufen.

Hitler in die Schranken weisen

Dieses wahrlich bewegte Leben schildert er nun nicht unter dem Motto „Seht her, wie toll ich bin“, sondern stets vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeitgeschichte. Und er hält mit seiner Meinung nie hinterm Berg, sondern ist etwa der Ansicht, dass Hitler wohl zu stoppen gewesen wäre, wenn ihm Frankreich, England und der Rest von Europa rechtzeitig (etwa nach der Rheinlandbesetzung oder nach der Annektierung Österreichs) in die Schranken gewiesen hätten.

(Un)willkommen

Blumenthal beschreibt, wie wenig willkommen vor Hitler flüchtende Juden auf der ganzen Welt waren, und seine Jugend in relativer Armut in Shanghai. Von dort in die USA zu emigrieren, war auch nicht gerade einfach. Kaum angekommen, beginnt er zu arbeiten, um sich sein Studium zu finanzieren, lehrt an der Uni, geht bald in die Privatwirtschaft, bewirbt sich unter Kennedy um einen Regierungsposten und leitet wenig später die GATT-Verhandlungen. Wenige Jahre später setzt er sich bei Bendix für einen kollegialen Managementstil ein, um nach zehn Jahren Finanzminister unter Carter zu werden. Wegen Meinungsverschiedenheit wechselt er wieder in die Privatwirtschaft.

Zeitgeschichte

Dies alles geschieht – und wird geschildert – vor dem Hintergrund von „Boomjahren” und gesellschaftlichen Umbrüchen, vor US-Außenpolitik und kriegerischen Auseinandersetzungen, vor der technologischen Revolution und der beginnenden Globalisierung. Und führt schließlich zurück nach Europa, wo Blumenthal trotz großer Schwierigkeiten das jüdische Museum in Berlin zum größten seiner Art in Europa ausbaut und wo er anzuerkennen lernt, dass aus dem autoritätshörigen Deutschland seiner Jugend eine moderne, weltoffene Gesellschaft geworden ist.

Perspektiven und Vorurteile

Wie nicht unschwer zu erraten sein wird, ist Blumenthal ein Befürworter von liberaler Wirtschaft und Globalisierung. Er ist davon überzeugt, dass der Lauf der Geschichte zwar auch von Zufällen, aber vor allem „von der Bedeutung der individuellen Entscheidungsträger bei der Gestaltung der historischen Ereignisse“ bestimmt wird, „insbesondere derjenigen an der Spitze, wo die richtige Mischung aus Temperament und Führungsqualitäten ausschlaggebend ist“.

Sein Buch ist aber auch für diejenigen ein Gewinn, die Blumenthals Überzeugungen nicht teilen. Und für die anderen, welche zu wenig über das 20. Jahrhundert wissen oder ihre Perspektiven und/oder Vorurteile überprüfen möchten.

Von Werner Schuster
Infos:

W. Michael Blumenthal, geboren 1926 in Oranienburg bei Berlin. 1939 Flucht vor den Nazis nach Shanghai. 1947 Emigration in die USA. Dort Karriere in Wirtschaft und Politik, u. a. als Berater von Präsident Kennedy und als Finanzminister unter Präsident Carter. 1997 Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin, das er bis heute leitet. 1998 veröffentlichte er die Familienchronik „Die unsichtbare Mauer“.

Mehr über W. Michael Blumenthal [6] bei Wikipedia.


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[6] Mehr über W. Michael Blumenthal: http://de.wikipedia.org/wiki/W._Michael_Blumenthal

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