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Buhl, Theodor: Winnetou August

Posted By Werner On 25/11/2010 @ 06:00 In AutorInnen B,Krieg im Leben,Leben im Krieg,Rezensionen,Romane & Erzählungen | No Comments

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]

Buchcover

  • Hardcover
  • Erschienen 2010 bei Eichborn


Inhalt:

Winnetou August ist die Geschichte einer Familie in Schlesien, die in den Wirren des letzten Kriegsjahres und der Monate danach um ihre Existenz kämpft. Und es ist die Geschichte des achtjährigen Rudi, der Schreckliches sieht und die Ereignisse zugleich als Abenteuer erlebt: das Näherrücken der Roten Armee, der Verlust des Elternhauses, die Flucht kreuz und quer durch Schlesien. (Pressetext)

Kurzkritik:

Unglaublich. Theodor Buhl, von Beruf Lehrer, hat 17 Jahre vergeblich einen Verlag für seine Bücher gesucht. Ich weiß nicht, ob „Winnetou August“ unter diesen Büchern war und wie diese beschaffen waren. Aber die Frage, wie viele großartige Romane nicht veröffentlicht werden, ist … ja, was? Besorgniserregend?

Ist bei „Winnetou August“ nicht schon mit den ersten drei Absätzen klar, dass hier jemand etwas zu sagen und seinen Stil gefunden hat?

Besprechung:

„Bedeutender Erfinder, Rudi – Phänomen!“

Unglaublich. Theodor Buhl, von Beruf Lehrer, hat 17 Jahre vergeblich einen Verlag für seine Bücher gesucht. Ich weiß nicht, ob „Winnetou August“ unter diesen Büchern war und wie diese beschaffen waren. Aber die Frage, wie viele großartige Romane nicht veröffentlicht werden, ist … ja, was? Besorgniserregend?

Ist bei „Winnetou August“ nicht schon mit den ersten drei Absätzen klar, dass hier jemand etwas zu sagen und seinen Stil gefunden hat?

„Junge, du wirst Ingenieur!“ – August steht vor der Frisierkommode, nimmt sich einen aus der Kölnisch-Wasser-Flasche, drückt den Ekel weg … „Wie der Rudolf Diesel, Junge.“
Wenn August in den Simmelwochen ist und zufällig kein Alkohol im Hause, trinkt er Elfriedes 4711.
„Bedeutender Erfinder, Rudi – Phänomen!“ Hinten im Spiegel kann er mich klein am Türrahmen sehen.

Halten Sie das nicht auch für eine viel versprechende Einleitung, die augenblicklich eine bestimmte Szenerie heraufbeschwört und genug im Unklaren lässt, dass man weiterlesen möchte?

Aus Kindersicht

Buhl erzählt von Krieg, Flucht und Vertreibung. (Ja, es gibt auch schon genügend Bücher über Krieg, Flucht und Vertreibung! Aber ein solches wohl noch nicht.) Buhl bedient sich zweier Erzähler: das Kind und den Erwachsenen, der dieses Kind gewesen ist. Die Schrecken werden immer aus der Sicht des Kindes erzählt. (Zugegeben, wir haben da noch Oskar Matzerath mit seiner Blechtrommel.)

Vielleicht ist es ein bisschen viel dramaturgischer Kunstgriff, dass der achtjährige Rudi zufällig auch den Großangriff auf Dresden miterlebt (man besucht eine Verwandte, die im Roman ansonsten keine Rolle spielt). Vielleicht – der Roman verarbeitet ja Buhls eigene Erlebnisse – wirkt hier bloß wieder einmal die Wahrheit unwahrscheinlicher als das etwas gut Erfundenes.

Eindringlich

Aber dieser – immer wieder vom erwachsenen Rudi reflektierte – Kinderblick verschafft denen, die dieses Buch beinahe nicht in die Hände bekommen hätten, ein eindringliches Nach-Erleben, dem man sich schwer entziehen kann.

Gewiss, muss man diese knappe, brüchige, knorrige und doch poetische Sprache mögen:

Täglich wird das Essen knapper in Altreichenau, die Truppen fressen alles kahl. August und der Martin fangen an zu phantasieren: von Schnitzeln und Krakauer Würsten, am hellichten Tage – bei Pellkartoffeln ohne irgendwas – von Keulchen, Rouladen, Kaßler und Rippenstücken. Anny gibt die gute Putter zu, schmort und schmurgelt und brät das im Kppf – bis man es sehen kann. Elfriede stellt sich Klöße vor, mit Rauchfleisch und mit Kren.

Und man muss wissen wollen, wie es denn war in Schlesien, rund um den Zweiten Weltkrieg, mitsamt dem Eindringen der Roten Armee und einer Vertreibung in den Westen mitten im eisigen Winter.

In diesem Roman erfährt man‘s – aus nächster Nähe. Ach, wie gut, dass der Eichborn-Verlag „Winnetou August“ herausgebracht hat!

Von Werner Schuster
Infos:

„Verdrängte Realität erfahrbar machen“ [5] – Ein Interview mit Theodor Buhl (von Rocco Thiede)

Theodor Buhl, geboren 1936 in Bunzlau/Niederschlesien, studierte an der Kunstakamdemie Düsseldorf und an der Universität Köln. Während seines gesamten Berufslebens als Lehrer arbeitete er an literarischen Werken, daraus erwuchsen Kontakte zu Heinrich Böll und Peter Rühmkorf. Die erste Fassung von Winnetou August entstand Ende der achtziger Jahre, seitdem hat er immer weitern an diesem Text gearbeitet. Theodor Buhl lebt in mit seiner Frau in Düsseldorf.

Mehr über Theodor Buhl [6] bei Wikipedia.


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[1] Kurzkritik: #kurz

[2] Was meinen Sie?: #user

[3] Ausführliche Besprechung: #rezi

[4] Infos: #infos

[5] „Verdrängte Realität erfahrbar machen“: http://www.eichborn.de/aktuelles/magazin/winnetou-august

[6] Mehr über Theodor Buhl: http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Buhl

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