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Trevor-Roper, Hugh: Der Eremit von Peking

Posted By Werner On 11/04/2009 @ 06:13 In 1975-1999,Alles andere,AutorInnen T,Biografien, Erinnerungen,Gesellschaft,Kunst, Kultur,Rezensionen,Sachbücher,Wissenschaft | No Comments

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]

Buchcover
Die Geschichte eines genialen Fälschers
Roman
Aus dem Englischen von Andrea Ott
Hardcover: Eichborn, 2009
(„A Hidden Life: The Enigma of Sir Edmund Backhouse“, 1976)
Inhalt:

Warum sollte ein angesehener Wissenschaftler und Kenner Chinas, der sich durch generöse Schenkungen wertvollster chinesischer Handschriften, Bücher und Dokumente an die berühmte Bodleian in der Universität von Oxford und zwei Standardwerke einen Namen gemacht hat, sich eine Räuberpistole ausdenken? Weil, so Trevor-Roper, Edmund Backhouse’ Leben eine einzige Räuberpistole war. Er fälschte Dokumente, Tagebücher, Zeugnisse und Empfehlungsschreiben, erfand Freundschaften zu Churchill, Verlaine, Oscar Wilde und Henry James, betrog amerikanische und britische Firmen, kassierte für Waffentransporte, die nicht existierten, hielt Minister und Kriegsherren, aber auch Familie und Freunde mit den absurdesten Geschichten zum Narren. (Pressetext)

Kurzkritik:

Was für ein Buch ich denn da lese, wurde ich des öfteren gefragt, wenn meine Mitmenschen diesen in Rot und Gold glänzenden Einband, eventuell sogar die Kalligraphien sahen. Vielleicht „Der Traum der Roten Kammer“ in einer Prachtausgabe? Wenn ich dann antwortete, dieser prunkvolle Band handle von einem Briten, der die Sicht der westlichen Welt auf China geprägt hat, jedoch ein Fälscher gewesen ist, ließ das Interesse bei den meisten merklich nach.

Doch „Der Eremit von Peking“ ist auf jeden Fall eine interessante und spannende Lektüre und könnte seine LeserInnen zu mehr Skepsis animieren. Auch bei diesem wunderschönen Buch trügt der Schein.

Besprechung:

Der Schein trügt

Was für ein Buch ich denn da lese, wurde ich des öfteren gefragt, wenn meine Mitmenschen diesen in Rot und Gold glänzenden Einband, eventuell sogar die Kalligraphien sahen. Vielleicht „Der Traum der Roten Kammer“ in einer Prachtausgabe? Wenn ich dann antwortete, dieser prunkvolle Band handle von einem Briten, der die Sicht der westlichen Welt auf China geprägt hat, jedoch ein Fälscher gewesen ist, ließ das Interesse bei den meisten merklich nach.

Was geht uns China an? – Fragen wir uns vielleicht zuerst: Was gehen uns Fälscher an? – Im Anhang zählt Trevor-Roper drei Wissenschaftler als Fälscher auf, woraufhin man sich fragen könnte, wie groß der Anteil an gefälschter Wissenschaft und somit falschem Wissen ist. Fragen wir uns auch, welche Chance die Wahrheit gegenüber der Fiktion hat (wenn wir zB. an Wilhelm Tell denken), wie wahr und objektiv Wikipedia oder auch die in den Medien dargestellte Wirklichkeit sein kann – und wie vielen Hochstaplern wir schon begegnet sein mögen.

Schiffe und Waffen, die nicht existieren

Denn jener Sir Edmund Backhouse, dessen Leben Trevor-Roper erforscht hat, war ein Hochstapler, der Frank William Abagnale Jr. [5] (von Steven Spielberg in „Catch Me If You Can“ porträtiert) um nichts nachsteht: Er erfand etwa eine Freundschaft zu Oscar Wilde und eine sexuelle Beziehung zur chinesischen Kaiserwitwe, verkaufte in großem Rahmen Schiffe und Waffen, die nicht existierten – und kaum einmal wurde einer der Betrogenen stutzig, stets stand Backhouse als unschuldiges Opfer da.

Lack abkratzen

Auch Trevor-Roper brauchte lange, bis er den Hochstapler Backhouse entlarven konnte. Und er nimmt die LeserInnen gewissermaßen an der Hand und präsentiert ihnen erst einmal die glänzende öffentliche Figur Backhouse. Dann kratzt er Lebensphase für Lebensphase den Lack ab, bis von dem anfangs imposanten Menschen nur noch ein erbärmlicher Rest übrig bleibt. Schließlich versucht er noch, die Motive dieses Hochstaplers zu ergründen.

Angeblich authentisch

Und China? Backhouse wurde zu seiner Zeit mit dem Tagebuch eines Gelehrten berühmten, in welchem der chinesische Kaiserhof angeblich authentisch beschrieben wird. Diese Beschreibung wurde Allgemeingut und wirkt bis in die heutige Zeit fort, und Trevor-Ropers Buch wird an unserem China-Bild wohl wenig verändern (– so wie man etwa Max Frisch‘ „Wilhelm Tell für die Schule“ gelesen hat und dennoch weiter an den Apfelschuss glaubt).

Doch „Der Eremit von Peking“ ist auf jeden Fall eine interessante und spannende Lektüre und könnte seine LeserInnen zu mehr Skepsis animieren. Auch bei diesem wunderschönen Buch trügt der Schein.

Von Werner Schuster
Infos:

Über Edmund Backhouse [6] und Hugh Trevor-Roper [7] bei Wikipedia.


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[1] Kurzkritik: #kurz

[2] Was meinen Sie?: #user

[3] Ausführliche Besprechung: #rezi

[4] Infos: #infos

[5] Frank William Abagnale Jr.: http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_W._Abagnale

[6] Edmund Backhouse: http://de.wikipedia.org/wiki/Edmund_Backhouse

[7] Hugh Trevor-Roper: http://de.wikipedia.org/wiki/Hugh_Trevor-Roper

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