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Bernières, Louis de: Traum aus Stein und Federn

Posted By Werner On 29/08/2008 @ 06:02 In ab 2000,AutorInnen B,Leben im Krieg,Rezensionen,Romane & Erzählungen | No Comments

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]

Buchcover
Roman
Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Taschenbuch: Fischer, 2006
Hardcover: Fischer, 2004
(“Birds Without Wings”, Secker & Warburg, 2004)
Inhalt:

In einem atemberaubenden epischen Roman macht Louis de Bernières eine vergessene Stadt im Südwesten Anatoliens zur Mitte der Welt. Mit schillernden Farben erschafft er einen Kosmos, in dem vor 100 Jahren Türken und Griechen, Christen und Muslime in Frieden nebeneinander lebten. Louis de Bernières lässt Iskander den Töpfer auftreten, dessen skurrilen Sprichworte als weise gelten, Georgio den Händler, der sein Glück sucht und einen Brunnen stiftet, Rustem Bey, der osmanische Landbesitzer, der eine Frau verliert und in Istanbul eine Mätresse findet, und schließlich die schöne Philotei, an deren Liebe zu Ibrahim sich die Stadt entzweit.
An ihrer Leidenschaft zerreißt das fragile Gewebe aus gemeinsamer Not und karger Freundschaft, aus kleinen Betrügereien und großen Heldentaten. Hatte man bis vor kurzem noch Türkisch mit griechischen Buchstaben notiert, stirbt die Toleranz über Nacht und werden Nachbarn zu Mördern, bis im Untergang des Osmanischen Reiches ganze Völker ihr Land verlieren. Die Stadt wird zerstört und schließlich leben nur noch Eidechsen in den Ruinen. (Pressetext)

Kurzkritik:

Bernières ist für mich eine Ausnahmeerscheinung, weil er schreibt, als wäre er ein Grieche (“Corellis Mandoline”), als wäre er ein Südamerikaner („Senor Vivo und die Kokabriefe“), als wäre es ein Leichtes, im 21. Jahrhundert unbekümmert und ungebrochen mit einem Roman Ideen zu transportieren und mit Literatur kulinarische Geschichte(n) zu erzählen.

Besprechung:

Meine Griechen, meine Türken

Bernières ist für mich eine Ausnahmeerscheinung, weil er schreibt, als wäre er ein Grieche (“Corellis Mandoline”), als wäre er ein Südamerikaner (Senor Vivo und die Kokabriefe [5]), als wäre es ein Leichtes, im 21. Jahrhundert unbekümmert und ungebrochen mit einem Roman Ideen zu transportieren und mit Literatur kulinarische Geschichte(n) zu erzählen.

In “Traum aus Stein und Federn” geht es grundsätzlich darum, dass in einem anatolischen Dorf griechische und türkische Christen und Musilme zusammenleben, nicht völlig spannungsfrei, aber doch, und dass “die Politik” dafür sorgt, dass diese Gemeinschaft auseinanderbricht, dass schließlich die Türkisch sprechenden Griechen nach Griechenland ausgesiedelt werden und dafür Griechisch sprechende Türken in das Dorf kommen.

Fremde Freunde

Bernières schildert diesen Wandel aus der Perspektive von Einzelschicksalen (– und parallel dazu den Werdegang des ersten Präsidenten der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk [6]). Zuvor hat man vielleicht auf “die anderen” hinabgesehen – und sich trotzdem des jeweils Angenehmeren und Nützlicheren beider Bevölkerungsgruppen bedient (Feste feiern inkl. Alkohol, Aberglaube etc.). Jetzt bedauert man, dass man Freunde verliert – oder auch nur Menschen, an die man sich gewöhnt hatte.

Grabenkrieg

Bernières gelingt es, dass mir seine Geschichten (oder manches daraus) bekannt vorkommen, auch wenn ich das jeweilige Buch zum ersten Mal lese. Das liegt meines Wissens nicht daran, dass er von anderen abschreibt (was jetzt auch nicht so schlimm wäre), sondern ich glaube, dass er es vermag, Bilder für unser kollektives Gedächtnis zu finden. Wie zum Beispiel für den Grabenkrieg (zwischen “Franken” und “Osmanen”), in dem zwischen den Soldaten in den Kampfpausen beinahe so etwas wie Freundschaft entsteht (– was für mich den Wahnsinn von Kriegen ergreifend veranschaulicht).

Auch sonst nimmt einen Bernières so sanft und doch eindringlich an der Hand, dass man mit den Figuren mitlebt und mitfeiert und mittrauert und mitstreitet. Insgesamt kann ich wie der ARD-Kulturweltspiegel sagen: In diesem Buch “verwebt Bernières kunstvoll und ungemein poetisch Einzelschicksale mit großer Geschichte – über 600 Seiten lang, und keine Zeile ist zuviel”.

Von Werner Schuster
Infos:

Louis de Bernières, 1954 in London geboren, wuchs im Nahen Osten auf. Nach Lehr- und Wanderjahren in Lateinamerika lebt er heute als Schriftsteller in London. Sein Bestseller “Corellis Mandoline” (Fischer Taschenbuch Bd. 16784) wurde erfolgreich mit Nicholas Cage und Penelope Cruz verfilmt.

Über Louis de Bernières [7] bei Wikipedia.


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[1] Kurzkritik: #kurz

[2] Was meinen Sie?: #user

[3] Ausführliche Besprechung: #rezi

[4] Infos: #infos

[5] Senor Vivo und die Kokabriefe: http://www.eselsohren.at/2007/06/04/auf-nach-anatolien/

[6] Mustafa Kemal Atatürk: http://de.wikipedia.org/wiki/Mustafa_Kemal_Atat%C3%BCrk

[7] Louis de Bernières: http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_de_Bernières

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