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Schlink, Bernhard: Das Wochenende

Posted By Werner On 10/03/2008 @ 06:04 In AutorInnen S,Rezensionen,Romane & Erzählungen | No Comments

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]

Buchcover
Roman
Hardcover: Diogenes, 2008
Taschenbuch: Diogenes, 2010
Inhalt:

Nach 20-jähriger Haft hat ihn der Bundespräsident begnadigt. Zum ersten Wochenende in Freiheit lädt seine Schwester die alten Freunde ein. Für sie ist das Leben weitergegangen. Und für ihn? Was bleibt von der Zeit der Gewalt? Legenden? Bewältigung? Sprachlosigkeit? (Pressetext)

Kurzkritik:

Eine Spur zuviel fügt sich zusammen in Bernhard Schlinks “Das Wochenende”, obwohl zwischen den Figuren zumeist das Trennende im Vordergrund steht. Für meinen Geschmack hätte es dessen nicht bedurft. Aber es stört eigentlich auch nicht weiter: “Das Wochenende” ist trotzdem eine intelligente Abhandlung über Lebensträume und Lebenslügen und natürlich die RAF in Form eines kompakten Kammerspiels.

Besprechung:

Hin- und hergerissen

Eine Spur zuviel fügt sich zusammen in Bernhard Schlinks “Das Wochenende”, obwohl zwischen den Figuren zumeist das Trennende im Vordergrund steht. Nach zwanzig Jahren Gefangenschaft ist der Terrorist Jörg überraschend begnadigt worden und seine Schwester organisiert ein Willkommens-Wochenende mit alten Freunden am Land.

Einst hat man mit der linken Revolution sympathisiert, heute ist man eher unangenehm berührt, wenn der Jung-(Möchtegern-)Terrorist Marko die alten Ideale hochhält. Diese – bei allen abwechselnd zu- und abnehmende – Distanz zur Vergangenheit stellt Schlink sehr glaubwürdig dar – auch in der zentralen Figur selbst: “Ob ich zwischen der Bitte um Gnade und trotzigem Aufbegehren hin- und hergerissen war? Ja, war ich.” Oder: “Sag mir, dass wir den falschen Krieg geführt haben, und ich werde dir nicht widersprechen – wir haben die Lage falsch eingeschätzt. Aber wir haben ihn nun einmal geführt, und wir haben ihn so geführt, wie man einen Krieg führt.”

Positionen

Überhaupt kann man sich gut vorstellen, dass das Wiedersehen und die Gespräche dieser Menschen genauso ablaufen würden wie von Schlink beschrieben. Und durch die mit zwölf Personen relativ große Gruppe kann Schlink auch sehr viele Positionen zu Revolte und Terrorismus in seinem Roman einfangen.

Aber warum …?

Aber warum muss die Tochter des Geschäftsmannes Ulrich zuerst Jörg verführen wollen und sich dann auch noch erfolgreich an dessen Sohn Ferdinand heranmachen (– wie sich dieser in die Villa und den Roman einschleicht, zählt für mich zu den fragwürdigsten Konstruktionen im “Wochenende”), warum müssen sich darüber hinaus Margarete, einst die lesbische Freundin von Jörgs Schwester Christiane, und der Journalist Henner ineinander verlieben?

Für meinen Geschmack hätte es all dessen nicht bedurft. Aber es stört eigentlich auch nicht weiter: “Das Wochenende” ist trotzdem eine intelligente Abhandlung über Lebensträume und Lebenslügen und natürlich die RAF in Form eines kompakten Kammerspiels.

Von Werner Schuster
Infos:

Bernhard Schlink, geboren 1944 in Bielefeld, aufgewachsen in Heidelberg. Jurastudium dort und in Berlin, danach wissenschaftlicher Assistent. Erste Professur für VerfR und VerwR in Bonn, dann in Frankfurt. 1988 Richter des VerfGH für das Land NRW. Nach der Wende 1989 in Berlin tätig. Heute Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin und Richter am LVerfGH in Münster. Zunächst Fachbuch-, dann Romanveröffentlichungen. Auszeichnungen: 1989 Glauser Autorenpreis für deutschsprachige Kriminalliteratur (“Die gordische Schleife”), 1992 Deutscher Krimi-Preis (“Selbs Betrug”), 1997 Hans-Fallada-Preis der Stadt Münster, Italiens ‘Grinzane Cavour’ und Prix Laure Bataillon (“Der Vorleser”). 1999 erstmals den “Welt”-Literaturpreis, im Februar 2000 die Ehrengabe der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft.

Über Bernhard Schlink [5] bei Wikipedia.


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