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Carofiglio, Gianrico: Das Gesetz der Ehre

Posted By Werner On 28/11/2007 @ 05:47 In AutorInnen C,Krimis & Thriller,Rezensionen | No Comments

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]

Buchcover
Krimi
Deutsch von Claudia Schmitt
Goldmann, 2007 & 2009
(2006)
Inhalt:

Als Avvocato Guerrieri seinem neuen Mandanten zum ersten Mal im Gefängnis begegnet, verschlägt es ihm den Atem: Denn vor ihm sitzt niemand anders als Fabio Paolicelli, der Intimfeind seiner Jugendtage. Aus dem gewaltbereiten Teenager, der als Rädelsführer einer Jugendgang in Bari von sich reden machte, ist mittlerweile ein braver Familienvater geworden. Mit dem vorgeworfenen Drogenschmuggel habe er nichts zu tun, beteuert er. Ob Guerrieri seinem Mandanten glauben kann, weiß er nicht. Er übernimmt die Verteidigung jedoch trotzdem, obwohl er genau weiß, dass seine Motive dabei nicht nur redlich sind … (Pressetext)

Kurzkritik:

Wir haben es hier noch mit einem jener seltenen Krimis zu tun, bei denen die Figuren gleichermaßen interessant sind wie die Fälle. Da überfliegt man nicht ein paar beschreibende Absätze, um zu erfahren, wie es weitergeht, da wird einem die Handlung nicht gleichgültig, weil die Ermittlungen oder das Privatleben der Ermittler so faszinierend sind.

Besprechung:

Ein Insider

Bei manchen Büchern denkt man sich nach den ersten Seiten, dass manchen AutorInnen das Schreiben anscheinend leicht von der Hand gehen muss. Gianrico Carofiglio ist so ein Fall. Da merkt man nirgendwo, dass er nach dem Lehrbuch “Krimi in 30 Tagen” vorgegangen wäre oder den Kurs “Aufbau und Plotpoints für Fortgeschrittene” besucht hätte. Und selbst wenn er es getan hätte: “Das Gesetz der Ehre” wirkt wie in einem Guss zu Papier (oder auf den Bildschirm) gebracht und es stimmt einfach alles: Figuren, Aufbau, Tempo, Sprache.

Und dann haben wir es hier noch mit einem jener seltenen Krimis zu tun, bei denen die Figuren gleichermaßen interessant sind wie die Fälle. Da überfliegt man nicht ein paar beschreibende Absätze, um zu erfahren, wie es weitergeht, da wird einem die Handlung nicht gleichgültig, weil die Ermittlungen oder das Privatleben der Ermittler so faszinierend sind.

Keine makellosen Helden und keine Erzschurken

Das liegt zum einen daran, dass Carofiglio die Materie, über die er schreibt, aus seinem Berufsleben als Staatsanwalt kennt und nicht auf andere Quellen angewiesen ist. Hier berichtet ein Insider über den Juristen- und Gerichtsalltag. Und zum anderen wirken die Figuren wie aus dem Leben gegriffen, es gibt keine makellosen Helden und keine Erzschurken, gut und böse halten sich halbwegs die Waage – innerhalb jedes einzelnen Charakters.

Gewöhnliche Schwächen und Stärken,
Gefühle und Gedanken

Strafverteidiger Guido Guerrieri ist ein Fortysomething mit gewöhnlichen Schwächen und Stärken, Gefühlen und Gedanken. Dass er sich in “Das Gesetz der Ehre” schlussendlich mit der Mafia anlegt, ist eher Zufall, er sieht das nicht als seine Berufung (träumt mittlerweile eher vom beschaulichen Leben eines Staatsanwalts) und hat ganz normal Angst vor den möglichen Konsequenzen. Ansonsten trinkt er gern, ist aber kein Alkoholiker, seine Freundin hat ihn für ein Jahr (oder für immer) verlassen, er verbringt seine Abende für gewöhnlich mit Büchern, auf Spaziergängen oder im Kino und lässt sich entgegen besseres Wissen mit der Frau seines Mandanten ein.

Dies alles wird nicht in jenem bekannten zynischen Ton erzählt (à la “Wir sind doch alle nur Getriebene und Glück gibt es halt nicht”), sondern mit liebevollem Humor. Und es sollte klar sein, dass es in einem Krimi, in dem alles und jede/r ambivalent ist, auch kein umfassendes Happy-End geben kann. Sagen wir so: Es geht halbwegs gut aus.

Von Werner Schuster
Infos:

Gianrico Carofiglio wurde 1961 in Bari geboren und arbeitete in seiner Heimatstadt viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. 2007 war er als Berater des italienischen Parlaments für den Bereich organisierte Kriminalität tätig. Seit 2008 ist Gianrico Carofiglio Mitglied des italienischen Senats. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Romane um den Anwalt Guido Guerrieri. Seine Geschichten fesseln mit einem spannenden Plot, doch sie sind viel mehr Entwicklungsroman als Krimi oder Gerichtsthriller, denn stets spielen die Höhen und Tiefen im Privatleben seines Helden eine zentrale Rolle. Gianrico Carofiglios Bücher feierten sensationelle Erfolge, wurden bisher in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen literarischen Preisen geehrt, u.a. mit dem Radio Bremen Krimipreis 2008. Gianrico Carofiglio lebt mit seiner Familie in Bari.

Über Gianrico Carofiglio [5] bei Wikipedia.


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[5] Gianrico Carofiglio: http://de.wikipedia.org/wiki/Carofiglio

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