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Artmann, H. C.: Aus meiner Botanisiertrommel

Posted By Werner On 04/07/2007 @ 07:36 In 1950-1974,Alles andere,AutorInnen A,Lyrik,Rezensionen | No Comments

Kurzkritik [1]Was meinen Sie? [2]Ausführliche Besprechung [3]Infos [4]

Cover Botanisiertrommel von ArtmannGedichte
dtv, Residenz
(1975)
Kurzkritik:

Besprechung:

ein pharao mit pferdenüstern

“Fachmännisch gesprochen, ist er derjenige, der unter den Dichtern deutscher Sprache am besten Bescheid weiß über die Möglichkeiten, die in der Sprache, im Wort selber liegen – eben jene Kräfte, die uns, wie Wittgenstein sagt, beim Gebrauch der Sprache ‘behexen'”, meinte Peter Rosei über H. C. Artmann, der seinen größten Publikumserfolg mit dem Dialekt-Gedichtband “med ana schwoazzn dintn” hatte.

Aber Artmann war nicht bloß ein Wiener-Dialekt-Autor, er übersetzte aus dem Dänischen, Englischen, Französischen, Niederländischen, Schwedischen und Spanischen, er schrieb Dramen und barocke Schwänke, ließ sich von mittelalterlichen Balladen und vor allem von seinem enormen Sprachfundus inspirieren.

Und er hat 1975 den wunderbaren Gedichtband “Aus meiner Botanisiertrommel” veröffentlicht, mit Wörtern wie “Honigseim” und “Geißblattlaube”, mit zu dieser Zeit wohl auf jeden Fall in der Kollegenschaft verpönten Reimen – und mit einer unbändig scheinenden Dichtlust.

Ein (durch “Botanisiertrommel”-Stechen ausgewähltes) Beispiel:

WENN FANTOMAS mit schrägen schatten
diesseits der seine aufersteht,
zur zeit, da sich die uhus gatten,
dann wird das gaslicht angedreht.

aus rosaroten kneipen dröhnen
verschiedene akkordeons,
die dirne darbt mit hungerlöhnen,
des löwen anteil speist herr jones.

an ufern leuchten lasterdschunken,
es kreischt ihr damenarsenal,
und in toiletten erzhalunken
entwerfen einen überfall.

die polizei tut nichts dagegen,
ein gentleman legt maske an,
doch in zivil besteigt verwegen
der bleiche mond die abendbahn.

auf selbstmord sinnt im eiffelturme
ein starkverliebter anarchist,
dieweil nach einem wirbelsturme
ein circusmensch sein zelt vermißt.

drei neger lieben eine taube,
sie sträubt sich nicht für gutes geld;
am quai d’orf√®vre treu und glaube,
in jedem zimmer harrt ein held.

ein pole schlingt ein dutzend wachteln,
ein nacktes weib auf wolken schwebt,
im tanzsaal seufzen alte schachteln,
der taschendieb nach börsen strebt.

aus der kloake steigen herren
mit manchem einbruchsinstrument,
still ruht die bank, beamte zerren
die gitter vor; ein nachlicht brennt.

auch saxophone dudeln lüstern,
ein fälscher führt fandango vor,
ein pharao mit pferdenüstern
gibt takt zu einem tuntenchor.

verzeihen sie, gibts noch pomade
um diese späte abendstund?
des lebens bittre schokolade
verklebt mir jedes wort im mund.

Von Werner Schuster
Infos:

Über H. C. Artmann [5] bei Wikipedia.


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[5] H. C. Artmann: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Carl_Artmann

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